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FAZ.NET-Fernsehkritik : Kerners Jahr der deutschen Einheit

Der ZDF-Moderator 2006: Johannes B. Kerner Bild: ZDF/Wolfgang Wilde

Ein Jahr ohne Krieg, ohne Papstreden und ohne Islamismus-Gefahr: Als erster Fernsehsender hat das ZDF 2006 für beendet erklärt und Johannes B. Kerner Bilanz ziehen lassen. Ein Abend mit Rotwein, Fußball - und gespenstischen Momenten. Von Jörg Thomann.

          2006 war ein bewegendes und abwechslungsreiches Jahr. Es war das Jahr, in dem Johannes B. Kerner erstmals am Steuer eines Aston Martin saß. Es war das Jahr, in welchem er mit dem Pianisten Lang Lang am Klavier „Ein Männlein steht im Walde“ im Duett spielte. Und es war das Jahr, in dem er sich von der Volksmusikantin Stefanie Hertel die nackte Wade betasten ließ, die auf diese Weise mit verbundenen Augen ihren Gatten Stefan Mross erkennen mußte. Das Tollste aber ist, daß Kerner all diese Höhepunkte des Jahres an einem einzigen Tag, ja in einer einzigen Sendung erlebte: dem Jahresrückblick „Menschen 2006“, gestern abend im ZDF.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es war für Kerner der Abschluß eines Jahres, das für ihn nicht glücklich verlaufen war. Da war seine Reklame für eine Fluglinie, die ihm viel Kritik einbrachte sowie einen neuen Passus im Vertrag mit dem ZDF, demzufolge er sich künftige Nebentätigkeiten vorab genehmigen lassen muß. Und da war, für den Showmaster vielleicht noch schmerzlicher, sein wieder einmal vergeblicher Appell an seinen Haussender, ihn doch endlich einmal eine politische Talksendung moderieren zu lassen, um der neuen ARD-Größe Günther Jauch Konkurrenz zu machen: „Ich traue mir eine Politsendung zu.“ Die Zutraulichkeit blieb unerwidert. Beim ZDF bleibt Kerner der Mann für das Unpolitische - und damit auch für die große Jahresrückblicksshow.

          Kein Libanon, kein Papst

          Denn im ZDF ging an diesem 3. Dezember ein Jahr zu Ende, in dem es keinen Krieg gab. Der Libanon, der Nahe Osten waren kein Thema. Es gab auch keinen Papst und keine Regensburger Rede, keine Mohammed-Karikaturen, keinen islamistischen Terror, ja nicht einmal eine Gesundheitsreform. Es handele sich um eine Unterhaltungssendung, ließ das ZDF verlauten. Seltsam nur, daß Günther Jauch, den Kerner auf politischem Parkett so gern herausfordern würde, in ein paar Tagen beim Jahresrückblick seines Noch-Hauptarbeitgebers RTL die Ehefrau eines israelischen Soldaten begrüßen wird, dessen Entführung ein Anlaß der Eskalation im Libanon war. Bei der privaten Konkurrenz also versucht man, schwierige politische Themen über die menschliche Ebene zu vermitteln; beim ZDF traut man sich nicht einmal das.

          Statt dessen begrüßte Kerner vor einem beängstigend entfesselten Münchner Publikum das Pärchen Mross und Hertel, das nach zwölf Jahren Zweisamkeit in diesem Jahr geheiratet hat, womit, so Mross, nun „der Topf auf den Deckel“ passe. Des weiteren traten auf die Braunbärin Nora, die den Bayern-Immigranten Bruno nicht retten durfte, sowie die Kessler-Zwillinge, die 2006 ihren siebzigsten Geburtstag feierten. Zu ihnen fiel Kerner die originelle Frage ein, ob sie wohl mal heimlich die Rollen getauscht hätten, bei dem einen oder anderen Rendezvous vielleicht, und er erhielt völlig unverdient eine hübsche Antwort: „Das machen nur männliche Zwillinge.“ Außerdem trank Kerner ein Glas Rotwein mit dem inzwischen in Fernseh-Alterszeit tätigen Ulrich Wickert. Der freute sich über ein Tor Bastian Schweinsteigers, das dieser am Samstag gar nicht erzielt hatte.

          Hacklschorsch statt Schumi

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