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FAZ.NET-Fernsehkritik : Keine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

  • -Aktualisiert am

Norbert Blüm und Peter Sodann begeben sich in Kürze als Schmunzelduo auf Tournee Bild: dpa

Sandra Maischbergers Veteranentreffen offenbarte, dass unsere renitenten Alten vor allem eines sind: Männer. Dazu noch immer dieselben. Die FAZ.NET-Fernsehkritik über fünf „Menschen bei Maischberger“, die vor allem eines verband: ihr Seniorenstatus. Von Oliver Jungen.

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          Kommen jetzt also die Alten? Oder bleiben sie einfach nur da? Ein Medienflaneur, der am gestrigen Abend zwischen 22.45 Uhr und Mitternacht in der ARD vorüberspazierte, mag sich gedacht haben, hier werde - aus welcher Verlegenheit auch immer - die Wiederholung einer zwanzig Jahre alten Diskussionsrunde in den Äther geflunkert.

          Auf dem Sofa lümmelte Rentensaurier Norbert Blüm neben Tatortsaurier Peter Sodann. Ein gewisser Heinz Klaus Mertes saß da, vor Urzeiten einmal Reporter und heute Produzent unter anderem von „Sparkassen-TV“. Zudem und auf den ersten Blick zu erkennen: Herbert Feuerstein, den Programmmacher seit Jahrzehnten sinnlos in alle möglichen Diskussionsrunden hineinsetzen wie man auch Blumenvasen in alle möglichen Ecken stellt, ohne groß darüber nachzudenken. Immerhin sagt Herr Feuerstein dann auch meist nicht viel mehr als eine Blumenvase. Vor allem aber schien ein urvertrautes Grimassengesicht aus der Vorzeit des Rundfunks von innen am Bildschirm festzukleben und allen Scheibenwischern gewachsen: dasjenige Dieter Hildebrandts.

          Im Zeichen des Bioleks

          Dieser Mumien-Auftrieb war - zumindest fernsehtechnisch - allerdings keine Wiederholung, sondern gebührenfinanzierte Unterhaltung unter dem im Abgang leicht tautologischen Titel „Von wegen altersmilde: Meckern, motzen, mosern!“ Was die fünf „Menschen bei Maischberger“ verband, war mithin ihr Seniorenstatus: ein so aufregendes Konzept, dass sich die Sendung damit aus der Sommerpause zurückzumelden wagte.

          Ob der Einfall „Alterspyramide“ wenigstens Senioren vom Ohrensessel haut, wäre eine Erhebung wert. Schließlich sind die Gäste der meisten politischen Talkshows auch nicht jünger. Vielleicht hat das Thema auch damit zu tun, dass Sandra Maischberger im September 2003 nicht nur den Sendeplatz und den Großteil der Redaktion von Alfred Biolek übernommen hat, sondern die Sendung auch von Bioleks Firma Pro GmbH produziert wird: Hat der alte Fuchs aus dem Kochstudio vielleicht noch einmal den Boulevard gefegt für die Kumpel von dazumal?

          Senilität als rhetorischer Kniff

          Großer Bahnhof jedenfalls für den dauerwibbeligen Dieter Hildebrandt, mit achtzig Jahren schon alterstechnisch wieder einmal der Beste. Die Moderatorin brachte ihn eingangs mit einer Nachfrage zur Enthüllung seiner angeblich bewussten NSDAP-Mitgliedschaft in der Zeitschrift „Focus“ vor zwei Monaten auf Knopfdruck in jene Rage, die ihn schon in der letzten Zeit mehrfach zu großen Kalibern gegen die Presse hat greifen lassen. „Niederträchtig“ sei die Reportage gewesen: „schmutziger Journalismus“. Er jedenfalls habe nichts von dieser Mitgliedschaft gewusst, der Jahrgang 1927 - „ein resignierter Jahrgang“ - sei offenbar komplett übernommen worden, und es könnte allenfalls jemand die im Übrigen nicht vorhandene Unterschrift für ihn übernommen haben.

          Peter Sodann und Herbert Feuerstein wollten offenbar besänftigend wirken und sagten beide etwas Unverständliches über einen möglichen, in vierzig Jahren zu enthüllenden FDJ-Eintritt respektive den mit der Hitlerjugend konfligierenden Sporthass des Siebenjährigen: Senilität als rhetorischer Kniff. Abgesehen von einem letzten Beißgefecht zwischen Hildebrandt und dem CSU-Mitglied Mertes, in dem der Kabarettist unterbrachte, das Publikum liebe ihn für „die Kunst der Pointe“, war das Thema damit auch erledigt.

          „Dick und Doof“ und „Rampensau“

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