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FAZ.NET-Fernsehkritik : Heidi Klum passt zum Salat

Die Dame und der Dicke: Sabine Christiansen 1996 bei „Stars in der Manege” Bild: HR/BR

Bei „Sabine Christiansen“ wurden am Sonntagabend Dicke zur Schnecke gemacht. Ein „Kessel Buntes“ mit einem Mc-Donalds-Manager, mit Mälzer, Calmund und Künast, mit Salatbeilage und Zimtplätzchen. Darauf einen Dornkaat. Die FAZ.NET-Fernsehkritik von Michael Hanfeld.

          3 Min.

          Je leichter das Thema, desto weniger schwer fällt es, die Talkstunde mit „Sabine Christiansen“ herumzubringen. Das gilt für die Zuschauer, aber augenscheinlich auch für die Moderatorin. Wenn es um nichts geht, lässt sich viel entspannter durcheinander reden. Wobei sie am Sonntag sogar ein Thema von ganz besonderen Gewicht verhandelte - die zunehmende Fettsucht, gerade bei Kindern. Knackig verpackt in den Sendeslogan „Auf die Waage, fertig, los - Dicke am Pranger“ tischte Christiansen das Thema auf.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es wäre müßig, die Frontlinien der wie üblich kunterbunten Runde abschreiten zu wollen, dafür waren die meisten Einlassungen dann doch zu leichtgewichtig. Sind die Übergewichtigen an ihrer Malaise selber schuld? Ist es ein Unterschichtenproblem? Fehlt es an der Erziehung? Oder ist alles genetisch vorbestimmt? Von Reiner Calmund, dem ehemaligen Manager von Bayer Leverkusen, behalten wir den Satz im Ohr, er habe „keine Probleme mit meinen Genen oder mit meinen Drüsen. Ich habe mir das einfach mit Begeisterung und mit Liebe angefuttert.“ Wir dürfen ihn uns, ohne Reiner Calmund nahe treten zu wollen, wohl als sehr begeisterungsfähigen Menschen vorstellen und annehmen, dass hier angesichts seiner Leibesfülle viel Liebe im Spiel gewesen sein muss.

          Bildungspolitik und Bewegungsarmut

          Tim Mälzer wiederum, der bei einer Gelegenheit wie dieser nur noch als „Starkoch“ vorgestellt wird, formulierte so kräftig, wie wir ihn sonst im Fernsehen am Herd hantieren sehen: „Wir essen aufgrund unseres veränderten Zeitverhaltens viel mehr Scheiße.“ Soll heißen: Wir nehmen uns zum Essen keine Zeit mehr, zum Kochen schon gar nicht, sondern reißen nur noch Tüten auf.

          Um daran etwas zu ändern, möchte Mälzer für einen Bewusstseinswandel schon in der Schule sorgen, wo sich die Kinder nicht nur an schlechtes Essen gewöhnen, sondern - womit die andere Seite des Themas beleuchtet wäre - der Sportunterricht in den vergangenen Jahren auf ein Minimum zusammengestrichen worden ist, worauf ein Vertreter des Lehrerverbandes Thüringen hinwies. Wodurch die Bildungspolitik das Gegenteil dessen ins Werk setzt, was sie mit allerlei Slogans und in großmächtigen Kampagnen postuliert: Wer verhindert, dass Kinder wenigstens drei Stunden die Woche angehalten werden, Sport zu treiben, braucht sich über die Folgen nicht zu wundern.

          Das ganzheitliche Konzept Salat

          Doch um derlei Kausalketten ging es bei „Christiansen“ nur am Rande. Es ging um Slogans, um Kampagnen, die ja ganz schnell etwas mit Etikettenschwindel und Ausflüchten zu tun haben. Eine Vertreterin der Südzucker AG trat für eine „große Kampagne“ ein, an der sich alle möglichen gesellschaftlichen Kräfte beteiligen sollten, die Grünen-Politikerin Renate Künast forderte von den Krankenkassen - wenn wir sie richtig verstanden haben -, eine Präventionsstiftung gegen Übergewicht und Fettleibigkeit ins Leben zu rufen, und der Chef von Mc Donalds Deutschland, Wolfgang Goebel, forderte einen „ganzheitlichen Ansatz“.

          Ansatz wofür? Wogegen? Worum ging es noch mal? Ums Essen, genauer gesagt, um das Mc-Donalds-Menü, das ja plötzlich so ernährungsbewusst daherkommt. Angeblich. Was wir an dieser Stelle aber trotzdem niemandem empfehlen wollen, schon gar nicht als tägliche Mahlzeit und erst recht nicht für Kinder, auch wenn es bei dem amerikanischen Fast-Food-Konzern jetzt Grünzeug gibt und das sogar ein deutsches Supermodell begeistert, wie der Mc-Donalds-Chef sagte: „Heidi Klum passt als Mutter gut in das Konzept Salat, das wir anbieten.“

          Ein krasser Widerspruch? Egal!

          Heidi Klum und Salat - das passt, na klar. Aber wie wäre es mit Heid Klum und Salat zum XXL-Menü? Oder Heidis Salat mit einer Extraportion Chicken Mc Nuggets und anschließend Mc Sunday-Eis? Halber Liter Cola inklusive, versteht sich.

          Das Absurde von Christiansens Talkrunde war wieder einmal, dass hier die widersprüchlichsten und absurdesten Dinge vorgetragen werden können, ohne dass es jemanden kümmerte. So können die (Mit-)Verursacher eines Problems sich am Ende noch als Retter gerieren, die Fast-Food-Industrie ist hier nur ein Beispiel. Und am Ende fordert ein Vertreter der Krankenkasse einen Bonus für diejenigen, die nicht zu fett sind, oder - im Umkehrschluss - eine Sondergebühr für Übergewichtige. Reiner Calmund aber hatte das letzte Wort und empfahl uns Zimtplätzchen und Marzipankartoffeln, den Grill anzuwerfen, zum Italiener ein Eis essen zu gehen und nicht nur Fussball zu gucken, sondern auch zu spielen.

          Ein „Kessel Buntes“ also bei Christiansen, mit Salatbeilage und Zimtplätzchen. Darauf einen Dornkaat. Wäre schön, wenn im Radio jetzt gerade „Dicke“ von Marius Müller-Westernhagen liefe.

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