https://www.faz.net/-gqz-6z9jm

FAZ.NET-Fernsehkritik : Hauptsache Italien

Der Berliner Pirat Christopher Lauer hat inzwischen schon reichlich Talkshow-Erfahrung Bild: ZDF/Jule Roehr

Bei der Nachwuchstalkshow „Log in“ auf ZDF-Info trat Christopher Lauer von den Piraten gegen den Grünen Volker Beck an. Der Altpolitprofi schien sich am Ende als Sieger zu fühlen. War er aber nicht.

          3 Min.

          Um es vorweg zu sagen: Ich kann den Piraten nicht so wahnsinnig viel abgewinnen. Sie bringen Schwung in die Bude, und zwar mächtig. Alle anderen Parteien haben Schiss vor ihnen, und zwar prächtig. Das sorgt für Bewegung, wo seit Jahren Stillstand herrscht. Dass die Piraten sich aber ausgerechnet die Urheber und deren Rechte als Kampfplatz ausgesucht haben, finde ich, um es vorsichtig zu sagen, befremdlich. Und bis jetzt sehen für mich die vermeintlichen Urheber-Freunde eher wir Urheber-Killer aus.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Am Mittwochabend bei „log In“ auf ZDFinfo jedoch habe ich den Piraten etwas abgewinnen können, auch in der Person von Christopher Lauer, der im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. Lauer wirkt manchmal etwas schwer von Begriff, dabei versucht er es mit Ironie und lässt andere alt aussehen. Und damit wandelt er gerade im Fernsehen auf einem schmalen Grat.

          Das Tribunal tagt

          Die Debatte bei „Log In“ nun sollte unter der Überschrift „Lassen die Piraten die Grünen alt aussehen?“ eigentlich eine heiße Runde auch für Volker Beck werden. Aber leider wurde ziemlich schnell ein Anti-Piraten-Tribunal daraus. Die Piraten seien die „Beta-Version“ einer Partei, die Inhalte müssten noch nachgeladen werden, war Becks These, die er, bis an die Zähne bewaffnet, allein schon dadurch zu unterstreichen suchte, dass er im Internet (gerade da!) kein konsistentes Programm der Piraten gefunden habe.

          „Lassen die Piraten die Grünen alt aussehen?“ Nein, sagt der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck, denn der Konkurrenz fehlten die Inhalte

          Dass die Piraten in Schleswig-Holstein die Abschaffung der Studiengebühren fordern, die es dort gar nicht gibt, ist natürlich peinlich. Aber die Vollständigkeit von Becks Programmsuche darf man trotzdem bezweifeln. Und dann ging es natürlich um die rechtsradikalen Irrlichter bei den Piraten, dann um die fehlende Frauenquote und schließlich um die These, dass, wer die Piraten wähle, am Ende einer großen Koalition Vorschub leiste.

          Im Handumdrehen eine staatstragende Statur?

          All das kann man gegen die Grünen ins Feld führen, hat man in der Vergangenheit auch. Und vielleicht darf man bei dieser Gelegenheit einmal daran erinnern, womit die Grünen weit über ihre Anfangstage hinaus aufgefallen sind - mit Debatten über den Gewaltbegriff, mit abseitigen Vorstößen in Sachen Sex mit Minderjährigen, mit Linksradikalen und Fundis, die man irgendwann mundtot machte, die aber immer noch da waren.

          Träten die Grünen, die für ihre Selbstfindungsphase Jahre brauchten, heute an, verkämen sie in Zeiten der totalen Instant-Kommunikation in null komma nix zu einem Schrebergartenverein. Von den Piraten aber erwartet man im Handumdrehen die Statur für eine staatstragende Rolle.

          Unflexible Moderation

          Leider hatten die beiden Moderatoren es nicht wirklich drauf, Lauer und Beck in einen echten Dialog zu zwingen – zu dem Lauer bereit schien, Beck aber nicht. Jeannine Michaelsen und Wolf-Christian Ulrich kamen vielmehr wie die kleinen Geschwister der Großmoderatoren im Hauptprogramm daher, auf ihre vorbereiteten Fragen fixiert, unflexibel, als darum ging, mit einer jungen Frau im Publikum zu reden, die an einer Studie über die Lage der Frauen bei den Piraten mitgearbeitet hat – mit dem Hinweis auf diese Diskutantin brachte Lauer den Moderator ganz schön ins Schwitzen.

          Und dann ließ Jeannine Michaelsen den Piratenpolitiker nicht mal ausreden, als der Fragen aus dem Internet beantworten sollte – im Hintergrund wird eine Minute herunter gezählt, wie bei einer Quizshow, fehlte nur den Telefonjoker (den Gag brachte Lauer allerdings selbst).

          Eher destruktiv

          Alles in allem war das doch, um noch einmal Christopher Lauer zu zitieren, reichlich destruktiv, weil nicht geneigt, die Piraten wirklich als Herausforderung zu begreifen. Geht nicht, zu teuer (fahrscheinloser öffentlicher Nahverkehr), utopisch – wenn es nur nach dem Schema geht und sie sich winden, zu sagen, ob eine Koalition mit Roten und Piraten denkbar wäre (dazu forderte Lauer Beck heraus, der darauf aber nicht einig), dann werden (nicht nur) die Grünen noch ihren Spaß mit den Neulingen haben.

          Auch wenn es am Ende der Sendung für den Grünen-Politiker gut aussah, da Jeannine Michaelsen aus den vielen Online-Wortmeldungen die Quintessenz zog, Beck sei als toller Typ und Lauer als etwas arrogant rübergekommen. Dabei konnte einem Lauer eher wie der junge Joschka Fischer vorkommen.

          „Planlos oder einfach ehrlich?“

          Das Voting zu der Frage „Sind die Piraten planlos oder einfach ehrlich?“ nämlich drückte dann etwas anderes aus. Für „einfach ehrlich“ (Lauer) entschieden sich 66 Prozent der Abstimmungswilligen, für „planlos“ (Beck) nur 34 Prozent – auch zwei Stunden nach der Sendung hatte sich daran nicht viel verändert. Die etablierten Parteien dürften also weiterhin allen Grund haben, die Piraten – auch wenn sie diese inhaltlich nicht ernst nehmen wollen – zu fürchten. Die Urheber allerdings leider auch.

          Welches Ressort er sich denn in einem Rotgrünpiraten-Kabinett vorstellen könne, wurde Christopher Lauer noch gefragt. „Hauptsache Italien“, sagte er und zitierte damit ein großes Wort des Fußballspielers Andreas Möller. Der hatte einmal mit ebendiesem Hinweis auf die Frage nach seinem nächsten Wunschverein geantwortet. Freilich hatte Möller „Mailand oder Madrid“ vorangeschickt. Und ging dann zu Juventus Turin. Die Fußballfans unter den Piraten haben den Witz verstanden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.