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FAZ.NET-Fernsehkritik: „Hart aber fair“ : Der Kerner muss weg!

Kleine Unverschämtheiten sind seine Stärke: Frank Plasberg Bild: dpa

Frank Plasbergs „Hart aber fair“ überrascht immer wieder. Jetzt ging es um uns Deutsche als „Ökostreber“, um Mülltrenner und Joghurtbecherspüler. Am Ende hieß es aus Gründen des Klimawandels sogar: Raus mit dem Kerner! Von Michael Hanfeld.

          3 Min.

          Es begann im Dunkeln und endete mit einer feinen Spitze. Licht aus, Funzel an, womm. Auftritt, nein, nicht Ilja Richter, sondern Frank Plasberg, der uns bei Kerzenschein auf das Thema des Abends einschwört: „Öko-Streber Deutschland: Wenn Joghurtbecherspüler ernst machen!“ Allein zur Formulierung des Titels darf man Plasbergs Mannschaft gratulieren, schon hier drückt sich aus, dass die Sendung und ihr Moderator es zwar ernst meinen, aber nicht alles ernst nehmen wollen. Was sich mit Plasbergs nur scheinbar leichten Fragen und den kleinen Unverschämtheiten fortsetzt, mit denen er seine Gesprächspartner herausfordert und zugleich auf Distanz hält.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sigmar Gabriel, der Umweltminister, bekam das als Erster zu spüren, leistete er sich doch den Fauxpas, Plasbergs Frage zu ignorieren, die da lautete, von wem er - respektive die große Koalition - eigentlich die Lizenz habe, all die teuren Umweltmaßnahmen zu beschließen. Schließlich kosteten sie diejenigen, denen sie nutzen sollen, doch verdammt viel Geld. Das aber drang Gabriel gar nicht ans Ohr; vielleicht leidet er an dem sogenannten „Christiansen-Syndrom“ oder formulierte im Geiste schon diese wahnsinnig perfekte Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hatte, die wir auch gleich wieder vergessen haben. Und dann? Fragte Plasberg noch einmal den Herrn Minister, ganz ostentativ in Lehrerpose. Und siehe da: Der richtige Ton ward abermals gesetzt, von nun an sollte sich jeder in der Runde anstrengen, etwas Vernünftiges zum Thema beizutragen.

          Dann schwimmt die Grünen-Politikerin eben nach Bali

          Im Falle von Roland Tichy, dem Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, war das freilich nicht viel mehr als die vermeintliche Stimme der ökonomischen Vernunft, die beim Thema Umweltschutz gerne auf die verborgenen Kosten all der schönen Maßnahmen verweist, die Politiker beschließen und Reihenhäuslebauer und Familienkutschendieselfahrer dann ausbaden dürfen. Von Karsten Schwanke, dem Meteorologen und ZDF-Moderator („Abenteuer Wissen“) behalten wir im Gedächtnis, dass er seinen Müll nicht trennt, oder zumindest nicht vollständig (die Papiertonne bestückt er schon). Und von der Grünen-Politikerin Bärbel Höhn, dass sie die Atomkraft trotz allem nicht für den Königsweg aus der Klimakatastrophe hält, auch wenn die AKWs denjenigen Kraftwerken, die fossile Brennstoffe wie Kohle oder Gas verfeuern, in Sachen Kohledioxidemissionen einiges voraus haben. Und: dass sie im Zweifel nach Bali, wo am selben Tag der Weltklimagipfel beginnt, auch schwimmen würde.

          Das zumindest erwiderte sie ein wenig verzweifelt witzig auf Plasbergs Hinweis, dass sie ja höchstwahrscheinlich mit dem Flugzeug gen Bali düse, was ja unter Klimagesichtspunkten eine fragwürdige Sache sei, wenn man zugleich aller Welt das Energie- und Emissionssparen ans Herz legt, denken wir nur an Angela Merkels Vorliebe für Energiesparlampen.

          4,42 Milliarden Euro kosten die von der Bundesregierung schnell noch beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen. Zum größten Teil zahlt sie Otto Normalverbraucher. Doch während der in München in den ökosauberen VW Polo steigt, um die Freundin in Hamburg zu besuchen, kauft sich der Ölscheich einen Airbus A 380 als Privatjet, um vom Golf zu dem ihm gehörenden Restaurant in London zu fliegen.

          Leichtfertig? Nein, zielstrebig

          Vergleiche wie diesen zieht „Hart aber fair“ in Einspielfilmen und mit zwischengeschalteten Thesen gern. Sie erscheinen nur auf den ersten Blick leichtfertig oder lächerlich, auf den zweiten führen sie genau zu jenen Fragen, die man hat, wenn ein Politiker oder auch sonst jemand wieder einmal ein besonders hehres Ziel verkündet hat: Bringt das was? Was bringt das? Wem bringt das was? Zum Beispiel, wenn man Plastikmüll trennt, der dann um die halbe Welt kutschiert wird, um in Asien zu Textilfaser verarbeitet zu werden.

          Für einen weltgereisten Umweltpolitiker wie Klaus Töpfer - er kam gerade aus New York - jedoch sind das genau die richtigen Fragen. Denn er macht die ganz große Rechnung auf und addiert, was inzwischen geschehen wäre, wenn die Politiker nicht all die kleinen und mittelgroßen Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz beschlossen hätten, die dem Durchschnittsverdiener ohne Lottogewinn - die 43 Millionen Euro sind schließlich weg - schwer auf der Tasche liegen. Es wäre alles natürlich noch viel schlimmer und Töpfers Satz noch viel treffender, der da lautet, dass die Ärmsten der Welt in Sachen Klimaveränderung seit langem den Preis bezahlen, den wir durch unsere Lebensweise verursachen.

          Wieder einmal nicht für dumm verkauft

          Es ist nicht unbedingt so, dass wir am Ende dieser „Hart aber fair“-Ausgabe viel schlauer wären, auch gab es keine großen Kontroversen, aber - und dadurch unterscheidet sich Plasberg maßgeblich von vielen anderen seiner Zunft - sie hat uns wieder einmal nicht für dumm verkauft. Sigmar Gabriel radelt nicht ins Büro, Bärbel Höhn schwimmt nicht durch den Pazifik, Klaus Töpfer geht nicht zu Fuß nach Nairobi, und wir essen weiterhin unser Schnitzel unter dem Heizpilz, den der Wirt vom Gasthaus an der Ecke vor seine Tür gestellt hat. Trotzdem kann und muss man etwas für den Umweltschutz tun. Mancher darf dem Klimawandel sogar etwas Positives abgewinnen, wie jener Winzer aus Rheinhessen, der sich ob der gestiegenen Temperaturen entschloss, die Rebsorte zu wechseln. Merlot pflanzt er heute an, schon vor Jahren hatte er erkannt: „Der Kerner muss raus.“

          Worauf ein besonders schlauer Zuschauer von „Hart aber fair“ per Email zu bemerken wusste, dass die Botschaft des Winzers doch hoffentlich bei Kerners Arbeitgeber in Mainz, dem Zweiten Deutschen Fernsehen, auch angekommen sei. Ist sie bestimmt, schließlich hat Kollege Plasberg, von dem wir ja wissen, wie gern er selbst Gast bei Kerner ist, sie am Ende seiner Sendung eigens verlesen. Ob man beim ZDF allerdings daraus irgendwelche Schlüsse zieht, ist fraglich. Dabei kann doch jeder etwas für den Klima- und Umweltschutz tun.

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