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FAZ.NET-Fernsehkritik: „Gottschalk Live“ : Der Schlauch von Jauch

Thomas Gottschalk hält Hof Bild: dapd

Thomas Gottschalk ist im Ersten gelandet. Zunächst erklärt er einmal, was seine neue Sendung eigentlich soll. Und damit ist die Zeit schon fast rum. Dann kommt die Werbung.

          3 Min.

          Zweiundzwanzig Minuten können einem kurz vorkommen und ewig lang. Für Thomas Gottschalk, sollte man meinen, ist es ein Atemzug, verglichen mit den langen Abenden, die er bei „Wetten, dass ..?“ im ZDF verbracht hat. Und so ganz hat er seinen Takt noch nicht umgestellt. Geschlagene dreizehn Minuten jedenfalls brauchte er, wenn wir richtig mitgezählt haben, um Sinn und Zweck und Aufbau und Mannschaft von „Gottschalk Live“ vorzustellen. Das war schon ziemlich lang.

          Gekocht wird nicht

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Oder sollen wir sagen – langatmig? Bei den Proben jedenfalls schien der Moderator in kürzeren Kaskaden denken und reden zu sollen. Doch wann hat man je eine Probe gesehen, die Rückschlüsse auf die Premiere zuließ? Bei ihm seien wir „sicher“, sagte Gottschalk. „Sicher“ vor dem Euro-Rettungsschirm und „sicher“ vor dem Bundespräsidenten. Eine „wulff-freie halbe Stunde“, das ist nach Wochen der Debatte schon ein Argument. „Es wird auch nicht gekocht“ – das ist ein Versprechen, das man beim Blick aufs tägliche Programm nicht hoch genug schätzen kann. Kein Euro-Palaver, kein Wulff, kein „Lafer, Lichter, lecker“. Aber was dann? Einen angeblich ein- und sogleich wieder ausgeladenen Hollywood-Star namens Nicolas Cage, wie zwei Fotos mit ihm und Gottschalk vom Abend zuvor beweisen sollten. Das war ein für das Vorabendprogramm im Ersten schon gewagtes Maß an Ironie. Und, mit Verlaub, nicht so wahnsinnig witzig. Vielleicht sollte man noch einen Gag-Schreiber und Bilderrätsel-Macher von Harald Schmidt für Gottschalks Redaktion verpflichten.

          Talk im Wohnzimmer: Thomas Gottschalk (links) mit „Bully“ Herbig Bilderstrecke

          Recht selbstbezüglich geriet sodann die Ausführung zu einer Geschichte der „Freizeit-Revue“, die über einen Herrn Jan Gottschalk aus Polen berichtete, der angeblich des Moderators verarmter Cousin sei. Das wäre – gleich zum Auftakt der Sendung – für die Boulevardschreiber zu schön, um wahr zu sein. Und genauso ist es auch – allerdings weder schön noch wahr, sondern Knalljournalismus in Reinkultur.

          Er kleidet sich jetzt „vernünftig“

          Doch kommen wir auf Thomas Gottschalks Garderobe zu sprechen. Er kleide sich jetzt „vernünftig“, sagte er. Die Clownskostüme, die er zuweilen im ZDF trug, bleiben also im Schrank. Den oberspießigen Anstalts-Langbinder der ARD aber verweigert Gottschalk, und das, wie wir finden, zu Recht. Tom Buhrow und Günther Jauch sollten es ihm gleichtun und auf das karierte Ding („der Schlauch von Jauch“) ebenfalls verzichten.

          Dass Heidi Klum und ihr Mann Seal künftig aufeinander verzichten, will Gottschalk – da lege er sich fest – vorausgesehen haben. Zwei Showgrößen in einer Familie das funktioniere nicht, selbst wenn zwei Urologen Chefärzte werden wollten, sei das für eine Verbindung wohl zuviel. Dass er Heidi Klum – in einer RTL-Show anno 1992 – entdeckt habe, vergaß Gottschalk nicht zu erwähnen. Dann aber war es mit den richtigen Jahreszahlen vorbei. Den Film „Der Schuh des Manitu“ seines Gastes Michael „Bully“ Herbig datierte der Moderator auf das Jahr 1982 (es war 2001), später war nicht ganz klar, wann die berühmte Serie „Kir Royal“ von Helmut Dietl lief (1986), des Regisseurs also, in dessen Film „Zettl“ Herbig gerade im Kino zu sehen ist. In dem sei Herbig selbstverständlich toll, meint Gottschalk, sorgte sich aber, ob es noch genügend Menschen gebe, die „den Arsch hochkriegen“, um sich eine solche Gesellschaftssatire anzusehen. Aber klar doch, könnten wir an dieser Stelle anfügen, angesichts dieses Fernsehprogramms!

          Haben wir etwas vergessen? Die kurzen Werbepausen, die Gottschalks Gespräch unterbrachen – Frage – Antwort – Werbung – Frage – Antwort – Werbung. Schluss. Das ist offenbar auch den Zuschauern, wie Gottschalks Chat bei Facebook zeigt, am meisten aufgestoßen.

          „Ich brauche jeden Zuschauer“

          „Dieser Mann war Mister Morning und Mister Late Night. Dieser Mann gab der Supernase ein Gesicht und Garfield eine Stimme. Er kennt die Welt und die Welt kennt ihn. Dieser Mann macht alles klar“: Dem Intro seiner Sendung muss Thomas Gottschalk noch etwas mehr Taten folgen lassen. Etwas mehr „Haltung und Relevanz“, die der verantwortliche Redakteur Carsten Wiese in der Redaktionskonferenz forderte, der wir beiwohnen durften, wäre ganz schön. Oder überhaupt etwas Relevanz. Damit Thomas Gottschalk nicht, wie zum Ende dieser seiner ersten Sendung im Ersten, jedes Mal auf die Knie rutschen und sagen muss: „Ich brauche jeden Zuschauer“.

          Am Dienstag sind bei ihm der Schauspieler Armin Rohde und der Fußballkaiser Franz Beckenbauer zu Gast. Und einen süßen Eisbären gebe es auch. Mal sehen, ob Thomas Gottschalk die alle in seiner Sendung auch unterbringt. Mit Haltung und Relevanz. Er hat zweiundzwanzig Minuten. Die können kurz sein oder auch – von dreimal Werbung unterbrochen - sehr lang.

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