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FAZ.NET-Fernsehkritik : Glaubenskrieg bei Maischberger

„Dicke werden als tumb und träge abgestempelt” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Gäste wurden mit Kleidergröße vorgestellt, der Studio-Tisch brach unter Fast-Food-Bergen fast zusammen. Gute Voraussetzungen für eine vernünftige Diskussion zum Thema „Fett-Epidemie“? Nicht bei Sandra Maischberger. Von Karen Krüger.

          Wir haben schon viel Absurdes bei „Menschen bei Maischberger“ gesehen. Eine Sendung, bei der die Moderatorin die Gäste mit ihrer Kleidergröße vorstellte und der Studiotisch unter bösen Dickmachern wie Chips, Cola und Gummibärchen verschwand (damit auch visuell jeder verstand, worum es an diesem Abend gehen sollte), gab es bisher noch nie. „Dick oder dünn - Glaubenskrieg ums Essen“ lautete der Titel ihrer Talk-Runde am Dienstagabend. Der Anlass der Sendung klingt alarmierend: Rund zwei Drittel der Männer in Deutschland haben Übergewicht, bei den Frauen gelten dreiundfünfzig Prozent als dick, besagt eine neue Studie. Grund genug für Horst Seehofer, gestern einen Fünf-Punkte-Plan gegen die vermeintlichen Fettepidemie im Kabinett vorzustellen.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im Studio von Sandra Maischberger wurde der Glaubenskrieg zwischen Dicken und Dünnen schon einmal zuvor geprobt - heraus kam dabei allerdings rein gar nichts: Undiszipliniert redeten die Gäste durcheinander und nahmen keinen der roten Fäden auf, die ihnen Maischberger immer wieder bot. Hat die Politik ein Recht, anderen vorzuschreiben, was sie essen sollen? Sind wir Deutschen zu dick?

          Wie beim Tier, so beim Mensch?

          Udo Pollmer, Bestsellerautor des Buches „Esst endlich normal!“, der sich nach eigenem Bekunden seit vierzig Jahren nicht gewogen hat - das Lesen (und Schreiben) von Büchern ist ihm wichtiger -, mahnte zur Gelassenheit: Bei Säugetieren steige im Alter auch der Fettgehalt im Körper. Warum sich also gegen etwas wehren, was die Natur so vorgesehen hat? Stefan Frädrich, Arzt und Gesundheitsberater, erklärte Fettleibigkeit dagegen zur „Epidemie“, die mit „Aufklärung“ zu bekämpfen sei. In einer eigenen Sendung im WDR installiert der Gesundheitsfetischist mit der Aura eines Light-Joghurts Videokameras in den Kühlschränken von dicken Familien, um sie auf frischer Tat beim Naschen zu ertappen. Danach zeigt er den Kindern eine Fotomontage, wie sie in zehn und mehr Jahren aussehen werden, wenn nicht sofort von Pommes auf Gemüse umgestiegen wird. Ob ein solches Vorgehen pädagogisch wertvoll ist, darüber wollte Frädrich nicht diskutieren.

          Sind wir Deutschen zu dick?

          „Finden Sie sich zu dick?“, fragte Maischberger ihren Gast Martina Mahner (Kleidergröße 62), die mit einer Internetinitiative gegen die Diskriminierung von übergewichtigen Menschen kämpft. „Dicke werden als tumb und träge abgestempelt“, sagte Mahner. Man solle aufhören, Übergewicht zur Charakterschwäche zu erklären. Sollten Dicke höhere Krankenkassenbeiträge zahlen, weil sie das Gesundheitssystem zu sehr belasten? Wenn die Mehrheit der Deutschen übergewichtig sei, so Mahner, bezahlten die Dicken doch ohnehin schon den Bärenanteil des Gesundheitssystems. Darauf wusste nun wirklich niemand mehr etwas zu sagen.

          Die Mode lässt das Model schrumpfen

          Die Konfektionsgröße der deutschen Durchschnittsfrau liegt heute bei Größe 40, vor zwanzig Jahren passte sie noch in Kleidergröße 38 rein. Je weniger Geld eine Frau fürs Shoppen übrig hat, desto größer fallen Jeans und T-Shirt aus, nach denen sie im Laden greift. Gutsituierte Frauen dagegen wurden in den vergangenen Jahren immer dünner: Statt in Größe 36 zwängen sich die meisten heute in 34 rein, wusste Annette Weber (Kleidergröße 34), Chefredakteurin von „Instyle“. Warum sie nur dünne Frauen in ihrer Zeitschrift zeige? Frau Weber erzählte von Hollywood-Stars und dass die Models wegen der aktuellen Rüschenmode immer mehr „shrinken“. Aha.

          Ist Dicksein also vor allem ein Unterschichtenproblem? Hier hätte die Diskussion endlich einmal spannend werden können, doch niemand der wild durcheinanderplappernden Gäste zeigte sich an der Frage interessiert. Ruhe herrschte nur, als Silke Ruthenberg, Vorsitzende der Tierschutzorganisation „Animal Peace“ und überzeugte Veganerin, von der Emotionalität von Forellen (scheu oder forsch) und den Persönlichkeitsmerkmalen von Schweinen (verspielt) berichtete - da schwieg die Runde für einen kurzen Moment betreten und hörte der Aktivistin entgeistert-amüsiert zu. Wer von den Fernsehzuschauern vor lauter Langeweile da schon zum Kühlschrank gepilgert war, verpasste bei Maischberger den einzigen unterhaltsamen Moment.

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