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FAZ.NET-Fernsehkritik : Gepflegte Ratlosigkeit

Friedrich Nowottny fühlte sich im Studio wohl Bild: obs

Mit Friedrich Nowottny kehrte die ARD in die siebziger Jahre zurück. Ganz klassisch näherte er sich in Maischbergers Studio dem Verhältnis von Politik und Medien - und reichte eine Frage nach der anderen in die Runde. Von Michael Hanfeld.

          Sieben Herren der Schöpfung, nicht auf einen Streich, sondern einer nach dem anderen, vertreten Sandra Maischberger in ihrer Mutterschaftspause und talken dienstagabends für die ARD. Sie geben allesamt ein schönes Beispiel für einen Solidarpakt, wie wir ihn uns in jedem Betrieb wünschen: So lassen sich Beruf und Familie vereinen. Die lieben Kollegen übernehmen eine Aufgabe nur auf Zeit, füllen die Lücke, ohne sie zu schließen, und am Ende sitzt die Moderatorin wieder an ihrem Platz, als sei nichts gewesen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Am Dienstag fühlte sich Friedrich Nowottny in Maischbergers Studio augenscheinlich nicht unwohl. Was einen nicht verwundert, hat er das Metier als Reporter und Kommentator in Bonn doch jahrelang trainiert, bevor er Intendant des Westdeutschen Rundfunks wurde. Und auch hernach gab er seine Kommentare ab, etwa in den Wahlsendungen von RTL.

          Im Krebsgang

          An diesem Abend hatte sich Friedrich Nowottny offenbar vorgenommen, es auf die ganz klassische Weise anzugehen. Das Generalthema war mit der Frage „Politik regiert, Volk frustriert?“ wie heute üblich reichlich flapsig und schwammig formuliert, was Nowottny durch viele kleine, sachliche Fragen im Detail wettzumachen suchte: Wie ist das Verhältnis von Politik und Medien? Was ist vom Mehrheitswahlrecht zu halten? Sollen Jugendliche mit sechzehn wählen dürfen? Der Moderator reichte eine Frage nach der anderen in die Runde, manchmal bekam er eine direkte, passende Antwort, manchmal nicht. Wenn er den ehemaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel drannahm, folgte in der Regel ein Exkurs zu fünf verschiedenen Themen in zwei Minuten.

          Das war nicht so fürchterlich, weil Vogel zu allem interessante Einsichten vorzutragen hatte und das mitunter unfreiwillig komisch war - etwa „Ich schreibe keine Erinnerungen, ich habe welche“ oder „Ein Sechzehnjähriger hat das Recht, sechzehn zu sein“. Aber er bewegte sich im Kreis oder im Krebsgang - das ist bekanntlich die vorherrschende Fortbewegungsart im deutschen Fernsehdiskursgewerbe. Und also taten es die anderen ihm nach.

          Politik ohne Volk

          Die CSU-Landrätin Gabriele Pauli, lernten wir, will nicht länger Landrätin sein und hofft auf eine große politische Karriere, wie sie Heide Simonis schon hinter sich hat. Christoph Meineke hat festgestellt, dass Bürgermeister einer Kleinstadt zu sein, genau das ist, was er kann und will, auch wenn er „erst“ achtundzwanzig Jahre alt ist und einen anderen, weniger miserabel beleumdeten Beruf als den des Politikers ergreifen könnte. Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ blickt schließlich auf das große Ganze der regierenden Koalition und stellt fest, dass diese sich selbst genügt, in sich ruht und die Presse gar nicht mehr braucht. Was gar nicht so schlecht sei, denn so seien die Journalisten aufgefordert, selbst nach Themen zu suchen und die Agenda zu besetzen.

          Blicken wir auf den Firlefanz der Schröder-Jahre mit ihren täglich wiederkehrenden Eitelkeiten für und mit und durch die Presse, möchten wir Jörges an dieser Stelle unbedingt beipflichten. Diesen Zustand der Dauer-Erregung braucht niemand. Doch haben wir im Augenblick den Eindruck, dass die Politik nicht nur nicht die Presse, sondern auch das in dieser Sendung angerufene Volk nicht mehr braucht. Diese Regierung wird nie in die Verlegenheit kommen, sich ein neues Volk zu wählen. Sie braucht - außer am Wahltag - gar keins.

          Jammern auf hohem Niveau

          Und das Land und die Gesellschaft schaffen es auch so, ob mit oder ohne große Koalition. Sogar die Zwangsverwaltung der Brüsseler EU-Kommission halten die Deutschen mit stoischer Gelassenheit aus, wobei man den Eindruck hat, dass die EU-Kommissare ihre Fabelgehälter allein dadurch zu rechtfertigen trachten, dass sie die letzten Freiheitsräume wegregeln, das letzte Stück deutscher Autobahn auf Tempo achtzig bringen und den letzten Raucher in die Entzugsklinik.

          Vielleicht ist in diesem Land am Ende ja gar nicht alles so mies, wie man immer meint, sagte am Ende jemand in Nowottnys Maischberger-Runde, und tatsächlich: Das Jammern auf hohem Niveau, in diesem Fall von Politikern über das Volk, ist schon wesentlich griesgrämiger ausgefallen als hier. Mit gepflegter, gediegener Ratlosigkeit und einem Funken realistischer Resignation lässt sich - diesen Eindruck bekamen wir an diesem Abend - auch ganz gut leben. Nur ist leider das genau das Problem.

          Dass die Demokratie die schlechteste Regierungsform sei, abgesehen von allen anderen, welche die Menschheit bislang ausprobiert hat, wie Winston Churchill so oder so ähnlich einmal gesagt hat, fiel Friedrich Nowottny zum Ende der Dämmerstunde ein - assistiert wiederum von Bernhard Vogel. Ein passenderes Schlusswort hätte niemand finden können.

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