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FAZ.NET-Fernsehkritik : Eva Herman? Schwamm drüber!

Auch ein nettes Paar: Bettina Tietjen mit Interimspartner Reinhold Beckmann Bild: dpa

Reinhold Beckmann hat seine eigene Show, macht die „Sportschau“ und jetzt hat er auch noch Eva Herman erledigt. In der NDR-Talkshow mit Bettina Tietjen hat Michael Hanfeld das „Eva-Prinzip“ jedenfalls nicht vermisst.

          So geht es auch. Nach dem Schwamm-drüber-Prinzip: Locker-leicht hat sich der NDR der Eva-Hermann-Affäre entledigt - zumindest auf dem Bildschirm und in der Sendung, die sie bis vor zwei Wochen noch moderierte. „Eigentlich sollte Eva Hermann hier sein, das ging aber leider nicht mehr und das finde ich sehr, sehr schade“, sagte Bettina Tietjen am Freitagabend zu Beginn ihrer Sendung, die beim letzten Mal noch „Herman & Tietjen“ hieß. Und das war's schon fast zu dem Thema, das in den vergangenen Tagen die Gemüter so bewegt hat. Anstelle von Eva Herman moderierte Reinhold Beckmann. Der erlaubte sich einen kleinen Witz zu seinem Auftritt und sprach vom gelebten „Eva-Prinzip: Der Mann geht arbeiten und die Frau bleibt zu Hause.“ Er meinte damit, dass seine Frau ihre Geburtstagfeier verschoben hatte, damit er auftreten konnte. Und dann ging es weiter, mit Bettina und Reinhold, ohne Adam und Eva.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Beckmann kokettierte zwar noch damit, dass er in dieser Talkshow nur Hospitant sei und Bettina Tietjen mit ihm machen könne, was sie wolle (natürlich nur platonische Dinge wie Kaffeeholen und ähnliches), doch war es natürlich nicht so: Beckmann war der aktive, bald - ohne sich in den Vordergrund zu spielen - dominierende Part. Bettina Tietjen kam an diesem Abend eher aus der zweiten Reihe.

          Buhlen mit Talkshow-Jobs

          Im Augenblick gibt es ja ein großes Gebuhle um die Moderatorenjobs in den NDR-Talkshows - um die Nachfolge von Eva Herman genauso wie um die von Julia Westlake und Jörg Pilawa. Doch fragt man sich schon: Warum? Denn es geht dort am Freitagabend schon ziemlich gemütlich zu. Man muss sich konzentrieren, um wach zu bleiben. Ein Gast nach dem anderen wird vorgestellt, gibt zehn bis fünfzehn Minuten Auskunft zu seinem neuen Leben, zu seiner neuen Platte, zu seinem neuen Film, zu seiner neuen Fernsehserie und dann ist der nächste dran.

          „Eigentlich sollte Eva Herman hier sein. Das ging aber leider nicht mehr”

          Zwei Stunden musste die Chanson-Sängerin Annett Louisan an diesem Abend warten, bis sie dran kam. Es ist wie beim Arzt im Wartezimmer, bang blickt man um sich und malt sich aus, wann man endlich an der Reihe ist. Ingolf Lück - vorgestellt als „Lucky Lück“ - hatte es da besser. Mit ihm ging es beim „Talk mit Tietjen“ los und mit ihm endete es. Denn zum Schluss spuckte er Feuer. Das nämlich - fälschlich immer als „Feuer-Schlucken“ bezeichnet, wo es doch tatsächlich eher „Feuer-Spucken“ heißen müsste - hat er in seiner Jugend gelernt, so wie allerlei andere Varieté-Künste.

          Freiwillig ins katholische Internat

          Von dem Schauspieler Heinrich Schafmeister erfuhren wir derweil, dass er in New York geheiratet hat und mit sechzehn Jahren freiwillig in ein katholisches Internat ging. Der Box-Promoter Wilfried Sauerland ist als junger Mann nach Südafrika gegangen und hat - bevor es bei ihm mit dem Boxen anfing - sein Geld mit Getränkeabfüllanlagen in Afrika verdient. Die Schauspielerin Charlotte Schwab zog es zu ihrem Beruf und ins Theater, weil sie immer wieder ihre Mutter aufsuchte, die dort als Garderobiere arbeitete. Die als Fernseh-Komödiantin bekannt gewordene Ruth Moschner erzählte, wie sie zur Pralinen-Bäckerei kam (sie hat dazu ein Buch herausgebracht). Der Gesellschaftsforscher Horst Opaschowski erklärte, dass sich die Einstellungen der Menschen seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 deutlich gewandelt haben (weniger Hedonismus, mehr Suche nach Bindungen und persönlichem Halt). Und der Schauspieler Thomas Kabel erklärte, wie er als Pastoren-Coach arbeitet, der Pfarrer Michael Watzlawik schilderte das aus Sicht des „Schülers“, der beim Zelebrieren des Gottesdienstes ein paar Hinweise zur Inszenierung bekommt.

          Das war und ist ganz nett und gut und schön, wenn die Gäste unterhaltsam sind, aber ein Dialog entwickelt sich da höchst selten. Es sind Bewerbungsgespräche: Name, Alter, Beruf, Ausbildung, Kindheit (darüber bitte ein bisschen mehr erzählen), Perspektiven für die Zukunft, danke. Am Ende fragte Reinhold Beckmann seine Kollegin Bettina Tietjen: „Bettina, wie war ich?“

          Eva, die Jungfrau von Orleans

          Von Eva Herman, wie gesagt, war beim „Talk mit Tietjen“ nicht mehr die Rede, es wäre für Bettina Tietjen oder Reinhold Beckmann wohl auch schwierig gewesen, die Geschichte halbwegs angemessen zu erklären. So allerdings klang es, als habe sich Eva Herman vielleicht ein Bein gebrochen oder sei auf eine Weltreise gegangen.

          Ganz so leicht wie in diesem Fall trennt sich der NDR allerdings nicht generell von der Moderatorin. Dem Satire-Magazin „extra 3“ wurde - wohl mit Rücksicht auf eine möglicherweise zu erwartende juristische Auseinandersetzung um Hermans Absetzung - ein Beitrag zu diesem Thema gestrichen. Und auch sonst zeigt sich, dass ein großer Teil des Publikums mit Eva Herman noch lange nicht fertig ist. Zu kaum einer Geschichte haben wir derart viel Leserpost bekommen - online wie offline - wie zu Eva Herman. Übertroffen wird das nur von dem Echo auf unsere Serie zur GEZ (siehe: FAZ.NET-Spezial: Die Methoden der GEZ). Und viele denken tatsächlich, dass Eva Herman nichts Falsches gesagt hat oder nur falsch verstanden wurde. Wenn sie es richtig und geschickt anstellt, wird sie sich mit einigem Abstand vielleicht als Opfer einer Medien-Verschwörung hinstellen können, auch wenn sie niemand gezwungen hat, beim Thema Familie derart unsäglich von der Zeit des Nationalsozialismus zu faseln.

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