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FAZ.NET-Fernsehkritik : „Eine große Lektion der Selbsterkenntnis“

  • -Aktualisiert am

Paris Hilton erzählt von ihrem „traumatisierenden Erlebnis” Bild: AP

CNN versuchte, den fragwürdigen „Scoop“ in ein respektables journalistisches Licht zu rücken. Bei Paris Hiltons erstem Interview nach ihrer kurzen Haft gab sich Larry King scharfkantig wie nie - doch das Starlet enttäuschte das hysterische Interesse.

          CNN gab sich alle Mühe, den vielleicht fragwürdigsten „Scoop“ in der Sendergeschichte in ein respektables journalistisches Licht zu rücken. Bei Paris Hiltons erstem Interview nach der Knastentlassung gab sich Larry King, ansonsten eher der onkelige Smalltalker, scharfkantig wie nie, hakte nach und ließ angesichts der ganz offenbar eine PR-Nummer abziehenden Hilton sogar Fassungslosigkeit spüren.

          Anderson Cooper, der gleich im Anschluss an Kings einstündiges Interview eine „Hintergrundsendung“ zum Thema Hilton moderierte und diese mit einer „Expertenrunde“ begann, ließ gar offener Verachtung freien Lauf: „War es ein einstudierter Akt, wie eine Idiotin aufzutreten?“, fragte er einen anwesenden Publicity-Agenten.

          Traumstoff für die Klatschspalten

          Doch die betont harte Haltung der Journalisten konnte der Story ihre schwammige Weichheit ums Verrecken nicht austreiben. Natürlich ist die Geschichte des Society-Girls in der Gefängniszelle ein Traumstoff für die Klatschspalten. Aber Exklusivinterview, Hintergrundsendung, Expertenrunde auf einem internationalen Nachrichtensender?

          „Wenn ich eine Tochter habe, werde ich ihr viele gute Ratschläge geben können”

          Zuviel der Ehre für eine junge Frau, die ein Sexvideo im Internet veröffentlichte, ihrem Status als geldadelige Klatschblattikone eine Realityserie, ein Parfum und eine grauenhaft schlechte Platte abrang und nun wegen Fahrens ohne Führerschein 26 Knasttage hinter sich bringen musste.

          „Große Lektion der Selbsterkenntnis“

          Da saß die 26-Jährige nun in Kings Studio, sprach mit Engelsstimme, schüchternem Lipglosslächeln und in blumigen Worthülsen vom „traumatisierenden Erlebnis“ des Eingesperrtseins, der Haft als einer nachdenklichen „Pause vom Leben“ und einer „großen Lektion der Selbsterkenntnis“. Hilton verbreitete große Küchenpsychologie: „Jeder macht Fehler und muss daraus lernen und daran wachsen, aber dies macht mich zu dem, was ich heute bin.“

          Allein: Sie ist sich eigentlich keiner Fehler bewusst. Paris Hilton beteuerte, mit Alkohol kein Problem zu haben („ich trinke nicht gern viel“) und noch nie Drogen genommen zu haben. Die Medikamente, die sie einnehme, nehme sie schon seit ihrer Kindheit, und zwar gegen ADS. Die Trunkenheitsfahrt, wegen der man ihr den Führerschein sperrte, habe sie nach nur einen einzigen Drink angetreten, und mit suspendiertem Führerschein sei sie bloß gefahren, weil sie das laut ihrem Anwalt durfte. Letzteres brachte ihr die Haftstrafe ein.

          Nichtssagende Niedlichkeit

          Den zunehmenden ungeduldigen Nachfragen Kings begegnete Hilton mit genau jener nichtssagenden Niedlichkeit, von der viele behaupten, sie werde ihr zu Unrecht von den Klatschmedien unterstellt. „Wenn ich mal eine Tochter habe, werde ich ihr jede Menge gute Ratschläge geben können“, sagte sie lächelnd, ohne auch nur anzudeuten, welche das sein könnten.

          Als King sie fragte, was sie an der „alten“ Paris Hilton nicht möge, sagte sie ungerührt: „Wenn ich mich aufrege, wird meine Stimme piepsig, und das werde ich ändern.“ Wenn das kein Argument für den Strafvollzug ist. Sie gehe zwar gern aus, weil sie gern tanze, so Hilton, aber nun habe sie die Nase voll vom Partyleben und werde sich künftig Sinnvollem widmen: „In meiner Position kann ich soviel Aufmerksamkeit auf Wichtiges lenken - Kinder, Brustkrebs, Multiple Sklerose“, hauchte sie, als sei es ein Satz aus der Image-Reparatur-Fibel.

          „Rehabilitierungs-Plan läuft nicht rund“

          Es ist sicher bloß ein Zufall, dass Hiltons Familie kürzlich einen sogenannten „Krisenmanagement-Experten“ namens Michael Sitrick engagierte, der schon bei Fehltritten anderer Promis half, das lädierte Image zu reparieren. Freilich hätte der Mann ihr wohl lieber raten sollen, sich stillschweigend zurückzuziehen, um die Geläuterte glaubwürdig zu mimen.

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