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FAZ.NET-Fernsehkritik : Deutschland sucht den Super-Narren

Die Jury: Anja Lukaseder, Dieter Bohlen und Andreas „Baer' Laesker Bild: obs

Es ist wieder soweit: In der fünften DSDS-Staffel darf Dieter Bohlen wieder die Kandidaten beleidigen. Damit er ja richtig in Stimmung kommt, servierte RTL ihm wie üblich eine ganze Reihe von sich blamierenden Nicht-Talenten.

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          Spätestens wenn ein Land zum fünften Mal im Fernsehen einen Superstar sucht, müssen den Zuschauer Zweifel überkommen. Es stellt sich mittlerweile die Frage, ob RTL unfähig ist, ein echtes Gesangstalent zu finden, oder ob der Sender erst gar keinen Superstar finden will. Denn bisher verloren die Gewinner von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) allzu schnell das Etikett, ein Ausnahmetalent zu sein, sobald die Show vorbei war.

          Sie verschwanden wenige Monate danach auf Provinzbühnen, im privaten Nichts oder im Dschungel. Nur Mark Medlock, der Gewinner der vierten Staffel, ist eine Ausnahme. Mit gezielter Unterstützung von Juror Dieter Bohlen schaffte Medlock es mit drei Songs in den Charts von Null auf Eins. Er ist für den Echo nominiert und hat für seinen Song „Now or Never“ Platin bekommen.

          Bohlens schmutzige Aktion

          RTL hat selbst sicherlich gar keine Zweifel daran, dass die deutschen Fernsehzuschauer eine neue Staffel von DSDS brauchen. Mit dem Format lassen sich hervorragend Geld verdienen und starke Quoten erzielen. Die ersten vier Runden waren relativ erfolgreich. Es ist also nur allzu konsequent von RTL - die Filmproduzenten aus Hollywood machen es mit ihren Sequels vor - alljährlich eine Staffel zu starten. Dennoch hatte man bei der ersten Sendung am Mittwochabend den Eindruck, dass die Verantwortlichen nicht mehr wussten, was sie suchen.

          Als erstes Castingopfer wurde der Supernarr Mario präsentiert. Er brachte alles mit für eine perfekte Blamage. Der Kandidat war auffällig hässlich mit einem schädlich starken Selbstbewusstsein. Seine Kleidung hätte nicht peinlicher sein können. Singen konnte Mario gar nicht, auch nicht tanzen, und den Text von Costa Cordalis' „Anita“ hatte er nach wenigen Zeilen auch noch vergessen. Mario hatte keine Chance.

          Die DSDS-Macher gaben sich größte Mühe, genau das zu zeigen. Dieter Bohlen schickte Mario mit dem Satz nach Hause: „Du bist die personalisierte Talentfreiheit aus Deutschland.“ Und dann bewies der Dauerjuror, wie geschmacklos er nach wie vor sein kann. Bohlen verlangte nach Reinigungstüchern, weil Mario ihm und den anderen zum Abschied die Hand gegeben hatte. Er wisse schließlich nicht, was der vor der Sendung alles getan hätte. Das war eine sehr schmutzige Aktion von Bohlen.

          Masochisten und Mitleidserreger

          Weil die Produzenten nach der Erfahrung mit den ersten vier Staffeln allzu gut wissen, wie eine einstündige Sendung mit Casting-Highlights dramaturgisch aufgebaut sein muss, folgte als Gegenpol gleich darauf ein potentieller Superstar. Die blonde Linda überzeugte durch ihren Gesang; hübsch war sie auch noch. Bohlen sagte ihr voraus, dass sie - sofern sie nicht „total bescheuert“ sei - in die Top Ten kommen müsste. Anja Lukaseder, die schon bei der vierten Staffel in der Jury saß, und die neue Urteilskraft Andreas „Bär“ Läsker, der „Onkel“ Heinz Henn folgt, fanden den Gesang auch ganz toll.

          Doch anschließend zeigte RTL wieder jede Menge Masochisten und Mitleidserreger. Nämlich jene Menschen, die sich eigentlich nicht bei DSDS bewerben dürften, weil sie sich wehrlos und selbstzerstörerisch Bohlens vorhersehbaren Attacken ergeben. Man möchte sie schützen vor ihnen selbst oder sie fragen, warum sie sich das antun. Doch unter den 30.000 Bewerbern gab es so viele Nicht-Talente, dass sie RTL sogar in verschiedene Erniedrigungskategorien einteilen konnte: Manche schafften es in die Abteilung „Die grausamsten Gitarrenspieler“, andere sangen so falsch, dass der Zuschauer im „Song Quiz“ erraten durfte, welche Lieder gemeint sein könnten. Bohlen hörte bei einigen Kandidaten „Musik in der Geisterbahn“ und das Geschreie eines Schafs, „wenn es an den Zaun pinkelt“. Wenn Bohlens Urteile nicht so bewusst verletzend und fies formuliert wären, müsste man sagen: Er hat recht.

          Als es am Ende wieder dramaturgisch an der Zeit war, einen Super-Narren vorsingen zu lassen, handelte RTL grob fahrlässig. Normalerweise muss sich der Sender nicht um die Psyche seiner Kandidaten kümmern, wenn diese mit ihrem Scheitern oder den Beschimpfungen nicht zurechtkommen. Schließlich nimmt jeder Kandidat freiwillig teil und weiß, was er zu erwarten hat. Doch der 17 Jahre Raymund wusste es nicht.

          Heulend sank Raymund zu Boden

          Nervös und naiv trat Raymund vor die Jury, als gelte es, eine Aufnahmeprüfung für die Gesangs-AG seiner Schule zu bestehen. Ohne sich bewusst zu sein, dass möglicherweise Millionen vor den Fernsehern nur darauf warteten, bis die Jury ihn wegen seiner Talentfreiheit fertigmacht, weigerte er sich nach seiner misslungenen Darbietung der „Perfekten Welle“ derart vehement, das vernichtende Urteil anzuerkennen, dass er hyperventilierte und schließlich fast kollabierte. Raymund sank heulend zu Boden. Die hinzueilende Anja Lukaseder konnte ihn kaum beruhigen. Selbst der Vater des 17-Jährigen musste hilflos anschauen, wie für seinen Sohn eine Welt zusammenbrach.

          Raymund ist kein Daniel Küblböck. Ihm fehlt das entsprechende Selbstbewusstsein, um dieses Erlebnis verarbeiten zu können. In der Schule werden vermutlich viele kleine Bohlens sitzen, die sich nun über Raymund lustig machen. Die Auswirkungen seines Auftritts wird er noch lange spüren. Sein Vater hätte ihn warnen müssen, und RTL hätte die Casting-Einlage nicht senden dürfen.

          Der Sender wird auf den Vertrag verweisen, den wohl jeder Bewerber vor der Sendung unterschreibt. Doch neben den juristischen Pflichten der Kandidaten besteht auch eine moralische Verantwortung des Senders. RTL sollte sich möglichst rasch wieder dem eigentlichen Thema der Sendung zuwenden und einen Superstar suchen. Genügend Narren gibt es dann immer noch. Allerdings vor dem Fernseher und nicht mehr auf der Bühne.

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