https://www.faz.net/-gqz-u9va

FAZ.NET-Fernsehkritik : Der Mann mit dem Schlagstock

„Menschen bei Maischberger” war am Dienstag „Menschen bei Böhme” Bild: dpa

Kampflustig war der erste Vertreter von Sandra Maischberger. Erich Böhme moderierte am Dienstagabend die Talkshow mit dem Thema „Saat der Gewalt: Wer schützt uns vor der Jugend?“ Leider hatten die Gäste nicht so recht Lust, über Krawall zu reden.

          Irgendwann holte Erich Böhme den Schlagstock raus. Erst einen, dann zwei und dann - wollte die beiden nagelneuen Polizeiwerkzeuge niemand in die Hand nehmen. Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm nicht, nicht der Grünen-Politiker Cem Özdemir und auch sonst keiner der Talkshowrunde, die Böhme am Dienstag Abend als erster Vertreter von Sandra Maischberger in deren Mutterschaftspause moderierte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Abend war ein Déjà-vu, ein einmaliges Comeback und genauso wie wir Böhmes „Talk im Turm“ bei Sat.1 in Erinnerung behalten haben: als ein wohltemperiertes Auf und Ab, angetrieben von einem Moderator mit einem leichten Hang zum Phlegma, der dann wieder plötzlich aufbraust, wenn es ihm zu langweilig wird. Das war am Dienstag zum Beispiel so, als Böhme - kleiner Gag am Rande - die beiden Schlagstöcke auspackte, die klugerweise keiner seiner Gäste in die Hand nehmen wollte. Wie sähe das wohl aus? Zumal in der Runde gerade plötzlich allüberall Harmonie herrschte, was Böhme bei dem Thema „Saat der Gewalt: Wer schützt uns vor der Jugend?“ denn doch ein wenig zu weit ging.

          Auf das Thema hatten die Gäste keine Lust

          Aber zurück zum Krawall, der das Thema war, wollten seine Gäste nicht. Einmal abgesehen von dem Jugendrichter Andreas Müller, der reichlich geladen wirkte und offenbar stets nach einem Gegner suchte, sei es der CDU-Politiker Schönbohm, sei es der als ehemaliger Hooligan vorgestellte Talkgast namens „Steffen A.“. Doch hatte A. zuwenig zu sagen, als dass sich daraus ein reger Disput hätte entwickeln können, und war Schönbohm versiert genug, die Klagen des Richters mit allerlei Hinweisen auf Präventionsprogramme gegen Jugendgewalt zu kontern, die es in seinem Bundesland Brandenburg gebe.

          Mit dem jungen Sozialarbeiter Fadi Saad hatte die Redaktion ebenfalls jemanden eingeladen, der lieber über Deeskalation und Vorbeugung sprach als über Jagdszenen aus der Provinz zwischen Polizei und gewalttätigen Jugendlichen. Ganz zu schweigen von der Hauptschullehrerin Rita Wohlgemuth, die seit 35 Jahren in ihrem Beruf arbeitet und noch immer einen Elan ausstrahlt, als fange sie gerade erst an. Und mit diesem schilderte sie, was in Köln alles geschieht, um Jugendliche von der Straße zu holen und nicht ob der Perspektivlosigkeit auf die schiefe Bahn geraten zu lassen.

          Auch mit seiner Frage: „Und was machen wir auf dem Fußballplatz?“ vermochte der Moderator Böhme seine Gäste nicht zu erschüttern, wussten die doch zu berichten, was in verschiedenen Städten alles für Fans unternommen werde. Das war mit Blick auf die aktuellen Schlagzeilen aus Leipzig und Dresden ein wenig sehr harmlos, im Unterschied zu den reinen Politikerrunden, auf die sich die ARD nach wie vor in ihrer Sonntagstalkshow verlegt hat, aber mitten aus dem Leben. Und das ist einer der wesentlichen Vorzüge der Maischberger-Sendung. Mit ihrem nächsten Vertreter Jörg Kachelmann allerdings, den Böhme als „Geburtshelfer“ vorstellte, könnte das schon ganz anders aussehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Carola Rackete war sichtlich bewegt von der Masse an Menschen, die ihr gegenüberstand.

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.

          Klimapolitik : Der Offenbarungseid der Merkel-Ära

          Der Klimaschutz in Deutschland muss nicht nur das Klima retten. Die Koalition denkt auch an sich. Zwischen Protestkultur von links und rechts sucht sie den Mittelweg.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.