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FAZ.NET-Fernsehkritik : Da muss ein Busen sein

Kein weißes Mehl, kein Zucker: Christine Neubauer Bild: dpa

Die Schauspielerin Christine Neubauer legte bei „Beckmann“ einen Routineauftritt hin: Die vermeintlich vielversprechende „Vollweib“-Debatte ermüdete. Die Mutter des ermordeten Felix hatte dagegen wirklich was zu sagen. Von Michael Hanfeld.

          Es gibt Talkshowauftritte, die klingen der Papierform nach vielversprechend. Papierform heißt - den Vorabmeldungen nach, welche die Redaktionen verschicken. Und wenn die Sendung dann läuft, sieht man, dass die zwei, drei ausgewählten Zitate auch so ziemlich die einzigen Sätze sind, die man herausgreifen konnte. Sätze wie: „Das muss klassisch sein. Da muss ein Busen da sein, und da muss eine Taille da sein.“ Oder: „Ein Vollweib ist eine Frau, die mit ihrer eigenen Weiblichkeit kein Problem hat.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So sprach die Schauspielerin Christine Neubauer am Montagabend bei „Beckmann“. Und damit wäre auch so ziemlich alles gesagt zu diesem Routineauftritt nach dem Motto: Film läuft an („Die Erntehelferin“, am Freitag im Ersten), Schauspielerin kommt, erzählt aus ihrem Leben, erzählt eine Anekdote, gibt einen Rat fürs Leben, rührt einmal zu Tränen, geht ab. Der nächste bitte. Oder die nächste, die in diesem Fall die Komödiantin Gaby Köster war, die im Augenblick mit einem Programm auf den Bühnen tourt, das der Losung folgt, „wer Sahne will, muss Kühe schütteln“.

          Kein Alkohol und viel Sport

          Man merkt, wenn der Talkshowauftritt nicht genau so gut gespielt ist wie die Rolle im Film oder in der Comedy-Show, wie kulissenhaft und ermüdend die Veranstaltung ist. Wie oft haben wir schon von Prominenten, die sich im Nebenberuf plötzlich als begnadete Köche oder Diät-Experten entpuppen, gehört, was wir essen und was wir beiseite lassen sollen, wenn wir in vier Wochen fünf Kilo abnehmen wollen? Bei Christine Neubauer sind es: kein Alkohol, kein weißes Mehl, kein Zucker und viel Sport. Ah, ja.

          Ebenso wenig originell war, was die Schauspielerin zu ihren Kritikern zu sagen hatte. Die nämlich hätten sich gar nicht richtig mit ihr beschäftigt, wenn sie meinten, sie trete nur immerfort in Kitsch-Stücken auf. Das mag sein. Das Dumme ist nur, dass wir in den vergangenen Wochen und Monaten Christine Neubauer nicht anders haben chargieren sehen, mal mehr, mal weniger, mal in Afrika, mal als „Moppel-Ich“.

          Anja Wille hat wirklich was zu sagen

          Das hat Methode, und man muss es nicht beklagen. Man kann hinnehmen, dass Fernsehfilme heute nach Maßgabe des Marketings konfiguriert werden. Man kann sich damit abfinden, dass ein Großteil der Stücke, wie wir sie im Ersten und Zweiten zu sehen bekommen, von Veronica Ferres, Maria Furtwängler oder eben Christine Neubauer gespielt werden. Dass sie, als vermeintliche Stars, schön ausgeleuchtet und ausgestellt werden, während sich ihre Kollegen und Kolleginnen, ganz gleich, welche Rolle sie spielen, als Statisten vorkommen dürfen. Vielleicht will das Publikum das ja tatsächlich so, nach dem Motto: Hauptsache, die Neubauer spielt mit. Sie ist ja auch wirklich hinreißend. Aber dann muss man doch wenigstens nicht jammern über das „Feuilleton“ (Beckmann), das mal wieder was zu meckern hat.

          Das war Teil eins der Ausgabe von „Beckmann“ am Montag. Teil zwei passte dazu gar nicht, was nicht selten das Eigentümliche dieser Sendung ist, reiht sie doch Menschen und Geschichten aneinander, die man beim besten Willen nicht verbinden kann. Aber auch da ist das Schema klar: Christine Neubauer liefert den Impuls einzuschalten, Anja Wille, deren achtjähriger Sohn Felix vor zwei Jahren ermordet wurde, hat etwas zu sagen. Wie man sein Leben bewältigt, nachdem das eigene Kind Opfer eines Verbrechens wurde. Wie man abermals zum Opfer wird, weil der Staat einem nur widerwillig minimale Unterstützung gewährt, um die man auch noch betteln muss. Wie man mit dem Mitleid der anderen umgeht und der Isolation entgeht. Wie man in seinem Dorf wohnen bleiben und sich irgendwann wieder erlauben kann zu lächeln, wenn der Frühling kommt.

          Davon erzählt Anja Wille in einem Buch, das gerade erschienen ist, davon erzählte sie bei Beckmann, und dahinter verschwand die vermeintlich vielversprechende „Vollweib“-Debatte. Und nicht nur Eltern mit minderjährigen Kindern werden sich fragen, warum es in diesem Land noch immer keine „Kinderschänderdatei“ gibt, die den Werdegang von Tätern aufzeichnet, so dass man im besten Fall eine Prognose zur Gefährlichkeit und Behandlungsbedürftigkeit eines Menschen hat, bevor das nächste Verbrechen geschieht. Bei der Durchsetzung des Nichtraucherschutzes, immer und überall, tut der Staat sich viel leichter, da hat Reinhold Beckmann schon recht.

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