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FAZ.NET-Fernsehkritik : Chirurg Plasberg - Operation geglückt

Operierte präzise: Fernseh-Chirurg Frank Plasberg Bild: ddp

Für seinen ersten Auftritt im ersten Programm hatte sich Frank Plasberg einen starken Kandidaten ausgesucht: Peer Steinbrück. Wie ein Chirurg näherte sich Plasberg dem Bundesfinanzminister: sanft und unerbittlich. Präzise vorbereitet war seine Operation, jeder Schnitt saß. Von Christian Geyer.

          3 Min.

          Für seinen ersten Auftritt im ersten Programm hatte sich Frank Plasberg einen starken Kandidaten ausgesucht: den Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, einen präzisen Denker und souveränen Rhetoriker, einen wegen seines aggressiven Selbstbewusstseins und seiner informierten Geistesgegenwart gefürchteten Politiker.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Versuchsanordnung, durch die der Zuschauer von „Hart aber fair“ geführt wurde, sah daher so aus: Wenn ein unerschrockener Mann wie Steinbrück, der sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen lässt, bei Plasberg baden geht, dann, ja dann würde Plasbergs Premiere im Ersten das sein, was „Hart aber fair“ im Dritten schon immer war: ein Menetekel für die Politik und ein Hochgenuss für die Zuschauer.

          Steinbrück ging mit Mann und Maus unter

          Genau so kam es: Plasberg hat die Feuertaufe am neuen Programmplatz bestanden, Steinbrück ging mit Mann und Maus unter. Von nun an müssen sich Politiker genau überlegen, was sie tun, wenn sie eine Einladung bei „Hart aber fair“ annehmen. Hier gilt nicht, was unter PR-Gesichtspunkten normalerweise gilt: Der größte Verriss ist besser als überhaupt nicht erwähnt zu werden. Nein, hier gilt: Ein Politiker, der zu Plasberg kommt, läuft Gefahr, sich bis auf die Knochen zu blamieren, derart, dass sich dieser eine Fernsehauftritt in der kollektiven Erinnerung festsetzt und von nun an unwiderruflich das Bild des Politikers prägt.

          Irgendwann versuchte es Steinbrück mit einer verzweifelten Gegenfrage: Plasberg müsse sich entscheiden, was er, der Bundesfinanzminister, denn nun sein soll: Harter Technokrat der Agenda 2010 oder ein Weichei, Hasenfuß und Umfaller, der sich in der SPD-Parteiführungssitzung der Stimme enthielt, als es darum ging, ob man in der Hartz IV-Frage eher Beck oder Müntefering folgen sollte. Steinbrück trug diese Alternative mit dem Unterton vor: Beides zugleich - Hardliner und Weichei - könne ja wohl kaum gehen. Ungerührt parierte Plasberg diesen Einschüchterungsversuch, indem er nahelegte: Doch, Herr Steinbrück, das ist ja gerade das Aufregende, dass Sie in Ihrer Person beides zugleich vereinen: den Technokraten und den Hasenfuß. Das wurde dann gnadenlos mit Fakten belegt, mit früheren Interviews Steinbrücks, in denen er seinerzeit genau das als Populismus verdammte, was er heute als Identitätssicherung der Partei darstellt: sich der Zustimmung in den Umfragen zu vergewissern und die Politik gegebenfalls zu ändern, wenn diese Zustimmung zu schwinden droht.

          Politik aus Angst vor der Sonntagsfrage

          So offenherzig hatte man es nicht erwartet: das Plädoyer für eine Politik, die man im Zweifel nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor der Sonntagsfrage macht. Dass ein Mann wie Steinbrück, dessen zentraler Imagefaktor die Geradlinigkeit ist, auf einmal wortreich den Opportunismus verteidigt, statt ihn diskret zu praktizieren - dies mag allen Politikern eine Warnung vor Plasberg sein.

          Die Redaktion, die Plasberg zur Seite steht, ist wahrscheinlich die professionellste, die im deutschen Moderatoren-Fernsehen zu finden ist. Weil hier das Handwerk bis aufs i-Tüpfelchen stimmt, sind Plasbergs Attacken jeweils im Detail vorbereitet und treffen mit ruhiger, spielerisch geführter Hand ins Ziel. Die Filme über die bei „Hart aber fair“ anwesenden Kandidaten, die zwischen den Gesprächen mit ihnen eingespielt werden, sind hervorragend recherchiert und thetisch zugespitzt. Sie sind dazu angetan, den Betroffenen, wie diesmal Steinbrück, den Atem zu verschlagen.

          Sanft und unerbittlich zugleich

          Immer wieder machte der Finanzminister den Eindruck, als wisse er nicht, wie ihm geschehe. So wies er brüsk von sich, dass es ihm auf dem bevorstehenden SPD-Parteitag auch um seine eigene Wiederwahl zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gehe: nein, an einem „hübschen Ergebnis“ sei ihm diesbezüglich nicht gelegen, er achte „nicht auf Prozentsätze“.

          Das war so erkennbar des Guten zuviel, dass der kühle Kalkulator Steinbrück auf einmal wie ein Verwirrter dastand. Plasberg - als guter Chirurg sanft und unerbittlich zugleich - führte Steinbrück den Zuschauern als Getriebenen vor, als Gefangenen eines politischen double-bind-Syndroms: Er habe in seiner Partei nun einmal zwei Aufgaben, die er in Übereinstimmung bringen müsse, erklärte Steinbrück: die des Finanzministers und die des stellvertretenden Parteivorsitzenden. Da gelte es, zwei „lose Enden“ miteinander zu verbinden, sagte er. Und sei es durch Stimmenthaltung, also durch Unkenntlichmachen der eigenen Überzeugung.

          Ein Eigentor nach dem anderen

          So deprimierend genau schien es selbst Frank Plasberg gar nicht wissen zu wollen. Steinbrücks rhetorischer Nachdruck hat sich diesmal so nachdrücklich gegen den Politiker selbst gewandt, dass man meinen konnte, einer Gespensterstunde beigewohnt zu haben. Wie von Geisterhand verführt, unterlief dem routinierten Steinbrück ein Eigentor nach dem anderen.

          Aber es war keine Geisterhand, die ihn dazu verführte, es war der professionelle Geist von „Hart aber fair“, der im Ersten seine Probe abgab. „Kommen Sie, Herr Steinbrück, wir gehen wieder zurück in die Runde“, sagte der Moderator zum Abschluss seines Dialogs mit dem Minister. Das klang wie der Zuspruch des Chirurgen, während der Patient aus dem Operationssaal in die Reha-Abteilung gefahren wird.

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