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FAZ.NET-Fernsehkritik: Anne Will : Soldaten sind Störer

Zieht die Bundeswehr 2014 aus Afghanistan ab? Verteidigungsminister Thomas de Maizière antwortet zweideutig Bild: Lüdecke, Matthias

Bei Anne Will ging es um die Bundeswehr, um deren Ansehen und den Einsatz in Afghanistan. In einem Nebensatz wartete der Verteidigungsminister mit einer handfesten Überraschung auf: Wie war das nochmal mit dem Abzug der Streitkräfte 2014?

          Mitten in der Sendung gab es einen Aha-Effekt, den die Moderatorin nicht verpasste. Die Bundeswehr zieht 2014 gar nicht ab aus Afghanistan? Fragte Anne Will den Verteidigungsminister Thomas de Maizière etwas ungläubig. Doch, die Truppe zieht ab. Ein paar Ausbilder bleiben dort. Und die müssen natürlich geschützt werden. Also zieht die Bundeswehr ab und sie zieht nicht ab. Zumindest nicht ganz. Und nicht nur die Bundeswehr.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          An diesem Punkt der Debatte bei Anne Will zeigte sich, was die Afghanistan-Politik seit jeher auszeichnet. Was wirklich geschieht, wird nicht an die große Glocke gehängt. Weil man damit nicht punkten kann und auch keine Wahlen gewinnt. Die meisten Menschen in diesem Land interessiert nur bedingt, was in Afghanistan geschieht, was aus dem Land und seinen Menschen wird und was die Bundeswehr dort treibt. Möglichst schnell sollen die Soldaten raus, so die überwältigende Mehrheitsmeinung. Doch was geschieht dann? Dann geht der ganze Terror-Zirkus von vorne los. Der Terror der Taliban gegen die Afghanen und der Terror der Islamisten gegen die ganze Welt. Ihre Ausbildungslager haben die Dschihadisten nur ein paar hundert Kilometer weiter in den Süden verlegt, sie hocken jetzt nicht mehr in der afghanischen Bergregion Tora Bora, sondern im Norden Pakistans.

          Dann war alles umsonst

          Wenn wir jetzt gingen, sagte ein Major in der Anne-Will-Sendung in einem Einspielfilm, „und die Afghanen den Taliban und den Warlords ausliefern, dann war alles umsonst“. Dann sind deutsche und alliierte Soldaten und ungezählte Afghanen umsonst gestorben. Darauf lautet der realistische Befund, den man am liebsten verdrängt. Und der auch im Denken von Jürgen Todenhöfer nicht vorkommt, dem früheren CDU-Politiker und zwischenzeitlichen Burda-Vorstand, der sich schon vor dreißig Jahren für Afghanistan engagiert hat, als noch die Russen das Land besetzt hielten.

          Man wird lange suchen müssen, bis man einen größeren Kenner der Verhältnisse findet und jemanden, bei dem Worte und Taten so gut zueinander passen. Es ist nur leider so, dass Todenhöfer ein Sendungsbewusstsein zu eigen ist, das Widerspruch selten duldet. Also fordert er den Verteidigungsminister zwischendurch auch auf, sich persönlich in Kundus blicken zu lassen und für das von einem deutschen Oberst angeforderte Bombardement zu entschuldigen, bei dem rund hundert Menschen ums Leben kamen und dessen Beförderung zum General schleunigst rückgängig zu machen. „Wenn Sie einen Mann, der hundert unschuldige Menschen getötet hat, zum General machen, dann dürfen sie gar nicht mehr sagen über Menschlichkeit“, meinte Todenhöfer, der sich mit solchen Sätzen vor der Kamera wirksam in Szene zu setzen weiß.

          Gedenken an getötete Bundeswehrsoldaten: der Verteidigungsminister (Mitte) in Masar-i-Scharif Bilderstrecke

          In Wahrheit aber weiß niemand, wie es in Afghanistan weitergeht und wie das Land endlich zu Frieden kommt, von Freiheiten, zumal für die Frauen, gar nicht zu reden. Todenhöfer aber ist davon überzeugt, dass afghanische Mädchen auch dann werden zur Schule gehen dürfen, wenn die Taliban wieder an der Macht sind. Man muss schon sehr viel Gottvertrauen haben, um das anzunehmen und sich mit einer Regierung anzufreunden, der ein Mullah Omar angehört.

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