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FAZ.NET-Fernsehkritik: Anne Will : Einigermaßen beunruhigend

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Wenn sie fragt, was der Staat wohl als nächstes verbiete, haben Verbotskritiker die Narrenkappe auf: Anne Will Bild: AP

„Was verbietet der Staat als nächstes?“, fragte Anne Will in ihrer Talkrunde am Sonntagabend. Und nur ein Schauspieler, eine Wirtin und ein Herr mit Narrenkappe wagten dem letzten Politiker auf dem Podium beizuspringen, als der sich dem Verbotswahn aus prinzipiellen Gründen widersetzt.

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          Gemeinschaftlichkeit. Einheitlichkeit. Beständigkeit. Das ist, in großen Lettern steht es eingeritzt über dem Eingang der „Brut- und Normzentrale“, das Credo der „Brave New World“, wie sie Aldous Huxley 1932 beschrieben und damit frappierend vorweggenommen hat, welch düstere Auswüchse mit der Vollendung wohlfahrtsstaatlicher Visionen einherzugehen drohen: eines Staatswesens, das zum Schutze der Bürger und Sozialkassen auf ein ausgefeiltes System von Verboten zurückgreift - und das zur Besänftigung von Querköpfen eine Kunstdroge entwickelt, die sich nur unwesentlich von der Errungenschaft unseres allgegenwärtigen Farbfernsehens unterscheidet.

          Da ist es nur konsequent, dass am Sonntag ausgerechnet im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in Anne Wills Talkrunde, die Frage „Was verbietet der Staat als nächstes?“ erhoben wurde. Und es ist einigermaßen beunruhigend, dass lediglich ein Schauspieler, eine Wirtin und ein Herr mit Narrenkappe dem letzten Politiker auf dem Podium beizuspringen wagten, der sich dem Verbotswahn aus prinzipiellen Gründen widersetzt.

          Verbraucherschutz vor dem Verbraucher

          Die übrigen Gäste jedenfalls machten den Liberalen Wolfgang Kubicki rasch als Staatsfeind Nummer eins aus, sobald der mit hemmungsloser Gelassenheit um etwas Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der paffenden, kippenden und futternden Menschheit warb. Sie waren sich darin einig, was der allgegenwärtige Sozialdemokrat Karl Lauterbach in die verführerische Formel packte: „Es geht nicht um Verbote, es geht um Verbraucherschutz.“ Sie sprachen vom Glück der Mehrheit, hatten freundlichen Statistiken für ein Rauchverbot parat, das selbst an Orten gilt, über deren Betrieb und Besuch man früher einmal ganz allein entscheiden durfte.

          Und sie konnten sich durchaus, die Volksgesundheit wohlmeinend im Auge und das Kindeswohl als Trumpf im Ärmel, im Einzelfall auch auf Trink- und Werbeverbote, bei schädlichen Lebensmitteln zumindest auf Appetit zügelnde Warnetiketten verständigen. Geradewegs so, als habe es Jugendschutzgesetze, Bildungsaufträge, Familienverbände oder gar die Idee vom eigenverantwortlichen Dasein noch nie gegeben.

          Ein „rauchfreies Deutschland“ soll es sein

          Um es mit der Empörung just jenes Menschen zu formulieren, der als Vorsitzender der „Nichtraucher-Initiative Wiesbaden“ soeben den unbeeindruckt weiter in der Öffentlichkeit rauchenden Altkanzler Helmut Schmidt vor den Kadi zerren wollte (auch wenn er von dessen Tabakdunst nicht das kleinste Wölklein abbekam): „Wo kommen wir denn da hin?“ Ein Horst Keiser, frühpensionierter Postbote, kämpft nun einmal nicht für Raucher- oder Nichtraucher-Zonen. Ein „rauchfreies Deutschland“ soll es sein. Das war dann sogar für Karl Lauterbach ein wenig viel des Gutes.

          Moderatorin Anne Will deutete unterdessen an, wo wir da vermutlich hinkommen, wenn das mit dieser scheinheiligen Verbotswut so weitergeht: in eine Gesellschaft, bei der sogar im Bewerbungsgespräch eines Tages vom „Body-Mass-Index“ die Rede sein wird. Das Augenzwinkern, mit der sie von einem Gesprächspartner zum nächsten überleitete, tat der Sendung ausgesprochen gut.

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