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Fantasy-Serie „Grimm“ bei Vox : Weck den Wolf in dir

Monroe (Silas Weir Mitchell, links) verwandelt sich ab und an. Nick (David Giuntoli) ist ein Nachfahre der Grimms. Bild: Vox

Die amerikanische Serie „Grimm“ zeigt, was man aus einer Märchensammlung machen kann. Es ist leicht, sie zu belächeln, aber sie ist keineswegs flach. Und irgendwie möchte man doch wissen, wie es weitergeht.

          3 Min.

          Es ist nicht schön, wenn Zufallsbekanntschaften für einen Augenblick verzerrte Züge bekommen und aussehen wie zähnebleckende Zombies, nur um sich im nächsten Moment wieder als harmlose Großstadtbewohner zu zeigen. Wenn man gezwungen ist, jedes Gesicht in der Menge als Maske aufzufassen, hinter der ein Tierwesen auf Wolf-, Bären- oder Biberbasis lauert, das nur selten seine wahre Gestalt offenbart. Und wenn man zu allem Überfluss die Rolle zugewiesen bekommt, dem Bösen Einhalt zu gebieten, ohne das so recht von sich weisen zu können, da die Überbringerin der Nachricht nicht nur krebskrank im Endstadium ist, sondern auch noch als Opfer einer Wolfsmenschattacke auf der Intensivstation liegt und selbst dort noch ihres Lebens nicht sicher sein kann.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So gesehen, empfängt der smarte Polizist Nick Burkhardt (David Giuntoli) keine guten Nachricht, als ihn seine Tante Mary darüber aufklärt, er sei ein Nachfahre der Brüder Grimm und als solcher wie diese in der Lage, das übernatürliche Böse in unserer Welt wahrzunehmen - „Rotkäppchen“, „Rapunzel“ und „Schneewittchen“ sind in dieser Lesart keine Märchen, sondern verfremdete Tatsachenberichte, die davon erzählen, welche Monster unter uns umgehen. Und dass die vom Tod gezeichnete Bibliothekarin und Androidenjägerin ihrem Neffen nicht nur ihre Aufgabe als Retter der Welt aufbürdet, sondern auch noch einen Wohnwagen voll einschlägiger Literatur hinterlässt, macht die Sache nicht besser, denn auch diese Fachbuchsammlung ist in höchster Gefahr. Und mit ihr jeder, der sie schützen will.

          Ein Kunstwerk aus eigenem Recht

          Es ist leicht, die amerikanische Fernsehserie „Grimm“, die nun Vox zeigt, zu belächeln: Die Geschichten sind krude, die spürbare Freude der Maskenbildner an den Tiermenschenvisagen muss sich nicht unbedingt auf den Zuschauer übertragen, die deutlich akustisch strukturierte Ästhetik des Unheimlichen mit ganz viel Sphärenmusik und „Wusch!“ in Momenten der Gefahr wirkt auf die Dauer etwas altbacken, und schließlich rennt der Ansatz, die abgründig grausame Seite der Grimmschen Märchen zu betonen, vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um diese Texte offene Türen ein. Selbst wenn das hier optisch in einer Weise geschieht, dass man Kinder davor bewahren sollte.

          Der „Blutbader“ Monroe, der gegen seine mörderischen Instinkte ankämpft. Zum Beispiel mit Pilates

          Trotzdem ist die Serie keineswegs flach geraten, vor allem dort, wo sie den geraden Pfad der Adaption verlässt und als Kunstwerk aus eigenem Recht erscheint. So greift sie zum einen schon in der ersten Folge den aus der Vampirliteratur stammenden Gedanken auf, dass es auch Monster in der Hand haben, gegen mörderische Instinkte anzukämpfen - Nick Burkhardt lernt einen sogenannten Blutbader kennen, der anders als seine Artgenossen keine Jagd auf Menschen mehr macht, seit er auf seine Ernährung achtet, Medikamente nimmt und Pilates macht.

          Wald, sehr viel Wald

          Zum anderen aber mischen die Urheber die Motive einzelner Märchen nach Herzenslust, so dass etwa der heftig vor sich hin schnüffelnde böse Wolf sein verschlepptes Opfer nach bester Knusperhexenart erst mal mästet. Und erfreulicherweise muss es sogar nicht immer Grimm sein: Die Matrix für die zweite Episode liefert das Märchen „Goldilock und die drei Bären“ aus der angelsächsischen Tradition, das hier zu seiner ganzen mörderischen Kenntlichkeit gebracht wird. Da ist es apart, wenn die Fabelwesen davon sprechen, die Riten und Bräuche aus schriftloser Vorzeit bewahren zu wollen, denn schließlich ist genau dies auch der Ansatz ihrer Gegner, der Brüder Grimm und ihrer Nachkommen. Von denen erzählt man sich dann auch in Tiermenschenkreisen abgründige Geschichten - „Meine Familie hatte immer schreckliche Angst vor euch“, sagt der geläuterte Blutbader zu Burkhardt, und diese neue Perspektive tut der Serie entschieden gut.

          Der Rest ist Wald, sehr viel Wald sogar, gut zwei Drittel der Episoden spielen dort. Dass die Urheber beim Drehen viel Spaß gehabt haben werden, lässt sich denken. Und dass man, selbst wenn man die Sache nicht sonderlich ernst nimmt, trotzdem gespannt ist, was aus dem Amulett in Form eines Schlüssels wird, das Nick von seiner Tante bekommt und nie verlieren darf, mag man der Vertrautheit der Autoren mit Grimms Märchen zuschreiben. Denn das letzte, äußerst rätselhafte Märchen der vor gut zweihundert Jahren erstmals erschienenen Sammlung heißt „Der goldene Schlüssel“. Es bricht ab, als ein Junge ein frisch gefundenes Kästchen mit eben jenem Schlüssel öffnen will. Ob das mehr ist als nur ein Zufall, wird „Grimm“ hoffentlich zeigen.

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