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„Game of Thrones“-Karten : Die Vermessung der bekannten Welt

  • -Aktualisiert am

Visualisierung von Fans: Die ganze „bekannte Welt“ des „Game of Thrones“-Universums auf einer Karte. Bild: Screenshot http://quartermaester.info/

HBO bietet den Zuschauern seit Beginn der vierten „Game of Thrones“-Staffel eine interaktive Karte der „bekannten Welt“. Fans haben schon längst eigene Visualisierungen produziert - mit Liebe zum Detail.

          Auf den ersten Blick sieht die Karte aus wie eine leicht verzerrte Version Großbritanniens: Dort wo England und Schottland aufeinandertreffen, ist das Land etwas schmaler geworden, und London liegt jetzt am Meer. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es sich nicht um das Königreich von Elizabeth II. handelt, sondern um das hart umkämpfte Westeros, den westlichen Kontinent der „bekannten Welt“, der in der Kult-Serie „Game of Thrones“ spielt.

          Fans haben sich die Arbeit gemacht, die Irrungen und Wirrungen der inzwischen fünf erschienen Bücher – zwei stehen noch aus – zu kartieren und sich dazu eine ganze Reihe frei im Internet verfügbare Programme zu Nutzen gemacht.

          Visuell stark und einfach zu bedienen

          In ihrem Bemühen, die komplizierte Welt greifbar zu machen, sind die aufopferungsvollen Anhänger der Buch-Serie aber nicht allein. Der amerikanische Abosender HBO, bei dem derzeit die vierte Staffel der „Game of Thrones“-Verfilmung läuft, kümmert sich aufwändig um die Präsentation seiner Flagschiff-Serie im Netz. Im „Game of Thrones Viewer’s Guide“ ist der Zuschauer eingeladen, noch einmal alle Aspekte der bisher ausgestrahlten Folgen zu erkunden.

          In Video-Interviews äußern sich Schauspieler, Produzenten und auch der Autor der Romanvorlage, George R.R. Martins, zur Episode und ihren Hintergründen. Die Biografien der über siebzig Figuren werden nach jeder Folge angepasst. Darüber hinaus gibt es großformatige, mit würzigen Zitaten versehene Bilder der Hauptfiguren, die Fans im sozialen Netzwerk ihres Vertrauens verbreiten können, noch mehr Bilder in Galerien und eben auch eine interaktive Karte, die es dem geneigten Zuschauer erleichtern soll, in all den verschiedenen Herrscherhäusern und Machtkämpfen in Westeros den Überblick zu behalten. Orte, die in der jeweils ausgewählten Episode vorkommen, sind markiert, beim Klick auf das Symbol bekommt man eine Zusammenfassung des zuletzt dort Geschehenen.

          Dieser Zuschauer-Guide, den HBO kurz vor Beginn der vierten Staffel von Grund auf erneuert hat, ist visuell reizvoll und trotz der vielfältigen multimedialen Inhalte angenehm übersichtlich.

          Fiktionale Welt in Google-Maps-Optik

          Ästhetisch macht der offizielle Guide mehr her als die meisten der von Fans erstellten Seiten. Letztere haben aber dazugelernt und sind über einfache Visualisierungen, die optisch wie Relikte aus dem ersten Internet-Jahrzehnt erscheinen, längst hinausgekommen.

          Besonders beeindruckend ist eine seit etwas über einem Jahr verfügbare interaktive Visualisierung, die auf der Technik von Google Maps basiert. Die von Google zur Verfügung gestellte Programmierschnittstelle wurde mithilfe einer weiteren frei im Internet verfügbaren Applikation mit einer vom „Games of Thrones“-Fan serMountainGoat gestalteten statischen Karte kombiniert. Die Visualisierung funktioniert, einfach gesagt, wie eine Google-Maps-Version der fiktionalen Welt. Das macht das Navigieren so einfach, knüpft es doch an das von Maps Gewohnte an. Die Aufmerksamkeit für diese Seite steigt, seit das Blog „Google Maps Mania„ und der „Guardian sie vorgestellt haben.

          Die Kombination von Google-Interface mit der statischen Karte, die Autor Martin bereits als „ziemlich gut aufgrund der zur Verfügung stehenden Informationen“ bezeichnet hat, ist geradezu revolutionär, wenn man das Ergebnis mit seiner trägen, unübersichtlichen Vorläufer-Version vergleicht, die mit Flash animiert worden war. Außer echten „Games of Thrones“-Fans wird an dieser Seite kaum jemand Gefallen gefunden haben. Ganz anders die Google-Maps-Version.

          Ein Fest für Freunde der Datenvisualisierung

          Die Karte zeigt nicht nur die Geographie der „bekannten Welt“, sondern veranschaulicht tatsächlich das gesamte bislang beschriebene „Game of Thrones“-Universum: Es ist möglich, den Reisen aller Figuren zu folgen und so einen Überblick über die verworrenen Geschichte zu bekommen. Ein Zeitstrahl bietet Schutz vor Spoilern: Jeder kann sich die Reise der Figuren bis zu dem Kapitel anzeigen lassen, das er gerade liest. Die Karte orientiert sich an den Büchern, die Informationen aus allen der fünf bisher erschienen Bände sind eingearbeitet, selbst ein auf der Homepage des Autors veröffentlichter Auszug aus dem nächsten Buch fehlt nicht. Damit hat die Seite der von HBO veröffentlichten Karte, die natürlich immer nur bis zur letzten ausgestrahlten Folge der Fernseh-Adaption geht, einiges voraus.

          Auch all jene, an denen der „Game of Thrones“-Hype bisher völlig vorbeigegangen ist, können mit der Karte etwas anfangen: Wählt man alle Figuren aus und klickt sich durch die Kapitel, wird schnell klar, dass Winterfell, Königsmund (King’s Landing) und Storm’s End zentrale Handlungsorte sind. Wenn in einem Kapitel gleich mehrere Figuren statt mit der Farbe ihres Hauses nur noch als Totenkopf-Icon angezeigt werden, liegt die Vermutung nahe, dass es in diesem Abschnitt der Geschichte besonders zur Sache ging. Durch den Klick auf das entsprechende Kapitel kann man das dann auch genauer im verlinkten Wiki nachlesen.

          Mit technisch und finanziell weit bescheideneren Mitteln als denen von HBO haben Fans hier eine viel umfangreichere, detailgetreuere Web-Version der gesamten Serie geschaffen. Klar, die genauen und ausschweifenden Beschreibungen und die vielen verschiedenen Perspektiven, aus denen Martin sein Epos erzählt, gehen in der Visualisierung etwas verloren, dafür werden die großen Zusammenhänge klar, wird die Komplexität heruntergebrochen, ohne dabei zu vereinfachen oder zu verfälschen.

          Auf Twitter wird die Karte als „geiler Nerdkram“ gefeiert. Nicht nur „Game of Thrones“-Fans sind begeistert, auch Freunde der Datenvisualisierung erfreuen sich an der „einfachen und trotzdem sorgfältigen und tiefgründigen“ Web-Umsetzung der Romane.

          Multimediales Feuerwerk im Netz

          Tatsächlich haben sich die Macher der Karte ähnlicher Tools bedient, wie auch Journalisten sie nutzen, um datenbasierte Geschichten im Netz aufzubereiten. Der Reise der Figuren durch ihre fiktionale Welt zu folgen ist im Grunde nichts anderes, als die Bewegungen des Grünen-Politikers Malte Spitz auf einer Karte der realen Welt nachvollzuziehen, die auf Basis seiner bei der Telekom eingeklagten Vorratsdaten erstellt wurde.

          Bei einer anderen „Game of Thrones“-Visualisierung, die sich statt mit dem großen Ganzen mit nur einer Figur befasst, wird die Ähnlichkeit noch deutlicher: Der Werdegang der Figur Arya wurde mit einem unter dem Schirm des Knight Lab eigentlich für Journalisten entwickelten Tool, Storymap, aufbereitet. Die britische „Times“ zum Beispiel hat dasselbe Tool verwendet, um die Flucht des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch zu nachzuzeichnen. Der einzige Unterschied ist, dass die Karte hier die reale Welt abbildet, während die Visualisierung der Geschichte von Arya natürlich die „Game of Thrones“-Karte als geographische Grundlage verwendet. Letztere steht optisch auch dem HBO-Zuschauer-Guide in nichts nach. Die Einbindung von Karten, Bildern, Videos und Verlinkungen zu anderen Seiten im Internet machen das Ganze zu einem multimedialen Feuerwerk.

          Martins Romane haben im Netz eine andere Dimension bekommen – keine bessere als auf den Buchseiten, aber eine ebenso grenzenlose. HBO zeigt mit seinem Zuschauer-Guide, wie man sowieso schon erfolgreiche Produkte weit über die einstündigen Folgen hinaus für sich nutzen kann, indem man die Anhänger einlädt, sich noch länger mit der fiktionalen Welt zu befassen. Die Fans wiederum haben sich die „bekannte Welt“ schon so umfangreich mit ihren eigenen Karten und Visualisierungen erschlossen, dass ein Twitter-Nutzer schon vor einigen Monaten mutmaßte, „Game of Thrones“ sei im Web besser erkundet als die wirkliche Welt.

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