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„Familie Brasch“ im Ersten : Vor den Vätern sterben die Söhne

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Eines von vier Geschwistern in einer zerrissenen Familie: Marion Brasch Bild: rbb

Gespalten: Annekatrin Hendel porträtiert die Brasch-Familie als dynastische Variante des Ost-West-Konflikts zwischen zwei Geschwisterstaaten.

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          Es gibt Familien, denen man sich am besten über ihre Tode nähert. Wie jemand stirbt, sagt wenig über Leistungen oder Verfehlungen einer Person aus, aber viel über ihr Vermächtnis, gerade auch in sozialer Hinsicht. Horst Brasch etwa, katholischer Jude, Emigrant, Remigrant in den deutschen Osten, Aufbauhelfer des Sozialismus – Fotos zeigen ihn an der Seite anderer verwegen-entschlossener junger Männer wie Erich Honecker –, strammer Funktionär, nach einem Streit mit dem Politbüro zurückgesetzt und fast in den Suizid getrieben, schließlich reinstalliert als durch die Welt jettender Repräsentant der DDR, starb politisch schwer enttäuscht und immer noch entzweit mit seinem Sohn Thomas, dem gefeierten Schriftsteller, am 18. August 1989 in Ost-Berlin. Zwischen einstürzenden Ideologiefassaden erhielt er, fast schon surreal, eine der letzten parteioffiziellen Beisetzungen in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Der Buddenbrooks-Blick vom Ende her kann aber auch übermächtig werden. Marion Brasch, letzte Überlebende des (engeren) Brasch-Clans, hat diesem Blick vor sieben Jahren in ihrem irritierend reflexionsarmen „Familienroman“ durch kindliche Naivität zu entkommen versucht, aber gerade deshalb stand das Buch ganz im Zeichen der Melancholie.

          Es scheint ja tatsächlich so etwas wie ein Zeitgeschichts-Fluch über dieser zerrissenen Familie zu liegen. Früh schon starb im Jahr 1975 die um ihren Traum von einer künstlerischen Laufbahn gebrachte Mutter Gerda. Nach und nach starben bis 2001 dann Marions drei Brüder Klaus, Peter und Thomas, die sich in der DDR nicht nur gegen „das System“ und damit gegen den Vater aufgelehnt hatten, sondern auch alle den Weg zum Alkohol fanden. Der Rückblick gipfelte in dem fundamental trist-trotzigen Satz: „Das ist traurig, doch es hat auch was Gutes: Ihr könnt mir nicht mehr verloren gehen, weil ich euch schon verloren habe.“

          Politik schlägt Familie: Die Kinder werden wegorganisiert

          Die Regisseurin Annekatrin Hendel, selbst der späten Ostberliner Avantgarde-Szene entstammend, wählt für ihren Dokumentarfilm, der sich ebenfalls stark auf die Perspektive der Journalistin Marion Brasch stützt, einen weniger persönlichen Zugang. Sie hebt ganz auf das Geschichtsmächtige an dieser Familie ab, durch deren Mitte der ein ganzes Jahrhundert prägende ideologische Graben verläuft.

          Strikt chronologisch beginnt es im Jahr 1939, als Horst Brasch im britischen Exil die Bewegung „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) mitbegründet und dabei die aus Wien stammende Gerda kennenlernt. Nach der Übersiedelung der überzeugten Kommunisten in die sowjetische Besatzungszone 1946 kommen die vier Kinder zur Welt. In der jungen DDR, die es zu festigen gilt, werden sie in Wochenkrippe, Internat und Kadettenanstalt wegorganisiert. Politik schlägt Familie.

          Welches Trauma die Kadettenanstalt für Thomas, den Erstgeborenen, darstellte, führt in befremdlich wolkenweißer Optik sein Freund aus Kindertagen, der Schriftsteller Christoph Hein, aus. Während Marion Brasch ihren Vater zumindest partiell in Schutz zu nehmen versucht – manche Leute sagten, er habe als hoher Kulturfunktionär „Schlimmeres verhindert“; ihr Bruder Thomas, vom eigenen Vater wegen staatsfeindlicher Aktionen angezeigt, sei „ja auch gut im Legendenbilden“ gewesen –, hält Hein Horst Brasch für einen typischen Funktionär, der in ihm immer nur den Verführer des Sohns gesehen habe. Noch klarer ist die Meinung von Thomas Braschs Sohn Benjamin über seinen Großvater, den er nie zu Gesicht bekam: „ein Arsch“.

          Dass der Film immer schwerere Schlagseite in Richtung Thomas Brasch bekommt, war zu erwarten, denn hier wird der kalte Systemkrieg als Vater-Sohn-Konflikt greifbar: Thomas siedelte 1976 nach einem Publikationsverbot in den Westen über (als Privilegierter hatte er die Wahl) und wurde dort als jemand gefeiert, der er nicht sein wollte, als Dissident und Anti-Sozialist. Er blieb Rebell, war Kultautor und verglühte mit der Zeit. In seinen späten, unglücklichen Jahren – mit dem Sozialismus war auch eine Chance vertan – verrannte er sich in das Megawerk um den „Mädchenmörder Brunke“. Es verwundert allerdings, dass Thomas Braschs stilistische Eleganz hier kaum thematisiert wird. Dafür schwärmt eine Karawane teils prominenter Ex-Frauen – die Liedermacherin Bettina Wegner, die Schauspielerin Katharina Thalbach, die Designerin Ursula Andermatt – von der Zielstrebigkeit und erotischen Verführungskraft des Autors mit der tiefen Stimme.

          Trotz dieses leichten Kolportage-Einschlags wartet die Dokumentation mit interessantem Bildmaterial auf, macht die bis heute unterschätzte Dimension Thomas Braschs als Filmemacher deutlich (gleich zwei seiner Filme liefen im Wettbewerb von Cannes) und kann tatsächlich ein wenig aufzeigen, worauf der 1968 gemeinsam mit Thomas Brasch verhaftete Florian Havemann hinweist: „Die Opposition beginnt eigentlich aus einer völlig ungeahnten Ecke für die meisten. Es war uns nicht genug Sozialismus.“ Gegen die Situation in der DDR zu sein, hieß eben lange noch nicht, für das Modell des Westens einzutreten. Durch Stasi-Methoden zu diesem Seitenwechsel gezwungen zu werden, hat vielen Idealisten den Boden unter den Füßen weggezogen und die eigene Republik reformresistent gemacht. Der Westen war in all dem vielleicht gar nicht so wichtig.

          Familie Brasch – Eine deutsche Geschichte läuft heute, um 22:45 Uhr, im Ersten.

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