Pseudo-Ernährungsstudie : Bittere Schokoladenerkenntnis
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Keine klassische Diätkost: dunkle Schokoladen-Cupcakes Bild: Picture-Alliance
Manchmal sind Dinge eben doch zu schön, um wahr zu sein: Wie zwei Arte-Journalisten einmal die gesamte Boulevardpresse mit dem Reizwort „Schokolade“ in die Irre führten.
Wer täglich vierzig Gramm Bitterschokolade isst, nimmt ab! Diese Behauptung sorgte in den vergangenen Wochen für ein unglaubliches Rauschen im Blätterwald. Der „Bild“-Zeitung diente die Geschichte als Aufmacher, auch Fitness-Zeitschriften ließen sich nicht lange bitten. Hätten die Kollegen doch nur vorher mal im Feuilleton dieser Zeitung angerufen. Hier ist die Versuchsgruppe groß und bildet eine Art genussmotivierte Langzeitstudie ganz ohne medizinische Begleitung. Schon der Augenschein verrät: Von einem diätetischen Effekt zu reden, wäre äußerst mutig bis unseriös.
Aber schließlich hat dieses Forschungsinstitut es ja herausgefunden, nicht wahr. Das Institut of Diet and Health, das zwar bis auf eine erst vor wenigen Monaten kreierte Homepage seltsam wenige Google-Treffer aufweist. Und die Studie ist in mehreren amerikanischen wissenschaftlichen Schmalspur-Onlinemagazinen erschienen, die sich für die Veröffentlichung bezahlen lassen. Das muss ja wohl reichen zum Beweis der wissenschaftlichen Korrektheit.
Vogelwildes Studiendesign
Wer sich durch die auf englisch verfasste Studie gekämpft hätte, wäre wahrscheinlich bemerkt, dass es nur fünfzehn Probanden gab. Je ein Drittel sollte drei Wochen lang entweder wie bisher weiteressen, die Kohlehydrate reduzieren oder die Kohlehydrate reduzieren und zusätzlich die genannten vierzig Gramm Bitterschokolade essen. Wohlgemerkt: sollte. Was die Probanden tatsächlich aßen, wurden sie im Anschluss nicht einmal gefragt.
Schließlich ging es den „Forschern“, zwei Journalisten des Fernsehsenders Arte namens Peter Onneken und Diana Löbl sowie einem von ihnen engagierten amerikanischen Wissenschaftsjournalisten namens John Bohannon, nur um eines: Sie wollten ein Ergebnis erhalten und herausfinden, ob es sich trotz des vogelwilden Studiendesigns in den Medien verfängt. Dazu überprüften sie achtzehn verschiedene Punkte, darunter Gewichtsverlust, Cholesterinwert und Schlafqualität. Wie John Bohannon, der sich als Studienleiter in der Presse anschließend Johannes Bohannon nannte, in einer hochinteressanten Aufschlüsselung darlegt, liegen die Chancen auf ein statistisch signifikantes Ergebnis bei so vielen Untersuchungsfeldern bei sechzig Prozent. Auch die kleine Versuchsgruppe von nur fünf Individuen befeuert die Effektivität der Studie ganz enorm – aber valider wird sie dadurch nicht, im Gegenteil.
Wichtiges blieb verschleiert
Die Journalisten hatten Glück: Tatsächlich verlor die Schokoladengruppe zehn Prozent schneller Gewicht als die andere Versuchsgruppe. Jackpot! Wenn nur die Schlafqualität besser gewesen wäre, hätten die Medien sicher weniger begeistert reagiert. Dass diese zehn Prozent innerhalb von nur drei Wochen nicht viel ausmachen: unwichtig. Dass das Gewicht von Frauen zyklusbedingt ohnehin schwankt: unerwähnt. Dass es verfälschende Faktoren geben kann, also die Schokoladengruppe etwa aus schlechtem Gewissen insgesamt viel weniger gegessen hat: unerforscht.
Die falschen Forscher wollten mit diesem Experiment nicht nur andere Journalisten vorführen. Sie wollten auch nicht nur ihre Doku zum Thema bewerben, die am 5. Juni laufen wird. Sie kritisieren vielmehr die Branche, die mit halbseidenen Studien Produkte bewirbt, dank denen Menschen angeblich prima abnehmen. Dabei handelt es sich nicht immer um Bitterschokolade, deren Werbe-Effekt immerhin vielen verschiedenen Firmen zugute kommt. Es können auch bestimmte Öle sein, die es in Kapseln nur von einer Marke gibt.
Aber wieso glauben Menschen plötzlich an die wundersame Wirkung von Schokolade, obwohl das jeglichem gesunden Menschenverstand zuwiderläuft? Dafür mag es zwei Gründe geben. Den ersten nannte der Arzt Gunter Frank, der die Journalisten unterstützte: Bitterschokolade schmecke nicht so gut, daher vermuteten Menschen, sie müsse gesund sein. Den zweiten Grund hat in den vergangenen zweitausend Jahren niemand mehr schöner formuliert als Julius Cäsar: „Gern glauben die Menschen das, was sie wollen.“