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„Ein Kind wird gesucht“ : Hier sind Himmel und Hölle in Bewegung

Die Ermittler Winfried Karls (Ronald Kukulies, l.), Ingo Thiel (Heino Ferch, M.) und Mario Eckartz (Felix Kramer, r.) versuchen, allen Hinweisen nachzugehen. Bild: ZDF und Frank Dicks

Ein einzigartiger Fall der deutschen Kriminalgeschichte: Der Film „Ein Kind wird gesucht“ schildert auf beeindruckende Weise den wahren Fall des vermissten Mirco S.

          Am 3. September 2010 wurde der zehnjährige Mirco von einem Sexualtäter in der Nähe von Grefrath in Nordrhein-Westfalen entführt und ermordet. Die „Sonderkommission Mirco“ beschäftigte in den 145 Tagen, die es dauerte, bis der Täter ermittelt und die Leiche des Jungen gefunden werden konnte, etwa achtzig Beamte. Der Aufwand, den es kostete, den Fall zu lösen – die Bundeswehr schickte Tornados mit Wärmebildkameras – gilt als einzigartig in der deutschen Kriminalgeschichte. Die Eltern des Jungen als auch die beiden leitenden Kommissare haben ein Buch darüber geschrieben: „Mirco – Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen“, heißt das erste. „Der Fall Mirco und weitere brisante Kriminalgeschichten“, das zweite.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Regisseur Urs Egger bringt den Fall nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer und Katja Röder nun als Film auf den Bildschirm. Er heißt schlicht: „Ein Kind wird gesucht“.

          Das Leid der Familie wird niemals ausgestellt

          Der Film, der von Tag eins bis zum Tag 145 in Sprüngen, aber streng chronologisch erzählt wird, beginnt mit dem Verschwinden des Jungen. Es wird dem Zuschauer nur durch ein einziges Bild vor Augen geführt: Ein Fahrrad liegt in der Morgendämmerung im Gras. Kurz zuvor, als der Vorspann vor Provinzpanoramen – schwarze Silhouetten blattloser Bäume vor morgendlichem, wolkenverhangenem Himmel, Krähengeschrei und tief dröhnende Akkorde – eingeblendet wird, mochte man noch befürchten, dass die Macher der Wucht dieser wahren Geschichte am Ende doch nicht trauen. Dass sie doch auf dramatische Musik (im Film vorsichtig eingesetzt von Ina Siefert und Nellis du Biel) und durch fiktionale Beziehungen heraufbeschworene, zusätzliche Emotionalität setzen. Nichts, oder nur wenig davon, bietet die Mannschaft um Urs Egger auf. Stattdessen wird in „Ein Kind wird gesucht“ vieles angedeutet, in unbewegten Einstellungen, die oft nicht länger als Sekunden brauchen.

          Das Geschehen wird in wechselnden Perspektiven flüssig und, bis auf einige hochemotionale Momente, sachlich erzählt. Der Film macht es dem Zuschauer alles andere als leicht. Das Leid, das die Familie von Mirco durchmacht – und das Silke Bodenbender und Johann von Bülow als Mircos Eltern Sandra und Reinhard Schlitter behutsam und überzeugend spielen –, wird niemals ausgestellt. Jeder Schritt, die Benachrichtigung der Eltern, das Anrollen des behördlichen Apparates, das Warten, die Rückschläge, der Erfolgsdruck der Soko, die Reaktionen der Öffentlichkeit, die Fehler auf allen Seiten, das alles findet in diesem Film seinen Platz. Heino Ferch stemmt als Kommissar Ingo Thiel die Hauptrolle, flucht, wütet, raucht, wird beschwichtigt.

          Felix Kramer spielt Thiels zurückhaltenden, etwas überdeutlich besonnen gezeichneten Widerpart – den Ermittler Mario „Ecki“ Eckartz. Im Wechsel zwischen den Ermittlern, die einen gewaltigen Apparat am Laufen halten und ihre Leute motivieren müssen (die Soko ließ viertausend Autos auf DNA-Spuren untersuchen), und den Eltern gelingt es dem Film, dass keine Perspektive in den Hintergrund tritt. Man ist bei den Schlitters am Abendbrottisch, wenn die jüngste Tochter fragt, ob sie sein Eis haben kann, „wenn der Mirco nicht wiederkommt“. Anstatt sich vor der Antwort zu drücken, haben Autoren und Schauspieler versucht, eine Antwort auf eine so unbescholten-grausame Frage zu finden. Den Schlitters gibt ihr Glaube Halt, aber um den müssen sie ringen. Für Thiels stressbedingte Übersprungshandlungen – Bier und Zigaretten – wiederum finden die Autoren originellere Bilder (Kamera Lukas Strebel) als geleerte Flaschen. Der Teufel steckt hier im Detail, wenn Thiel auf der Getränkeliste das 26. Bier abzeichnet und seine Striche immer fahriger und länger werden.

          Deutlich wird, dass der Verlust eines Kindes nicht nur bedeutet, ohne Vorwarnung einen geliebten Menschen zu verlieren. Die Folgen, auch die der in guter Absicht verrichteten Polizeiarbeit, können die Familie des Opfers zerreißen. Ebenso werden die Familien der Beamten während der 145 Tage auf eine harte Probe gestellt. Nur selten macht es der Film sich ein wenig einfach, wenn Boulevardpresse und Fernsehteams wieder mal nur als überfallartige Meute vorkommen, mit Sätzen wie, „einfach draufhalten“, „wir haben alles“ und „hast du die Kleine, wie sie weint?“. Auch wird es an Weihnachten etwas sehr besinnlich. Die Macher von „Ein Kind wird gesucht“ schildern das Leid einer Familie und erzählen, was sich unter achtzig engagierten Polizeibeamten in einem solchen Fall abspielt – bis hin zu dem Augenblick, in dem ihnen der Täter gegenübersitzt und nach etlichen Lügen endlich gesteht. Das ist auf beeindruckende Weise gelungen.

          Ein Kind wird gesucht, Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

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