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Der Fall Julian Reichelt : Springer verschickte Drohschreiben

An ihm hielt der Springer-Konzern lange fest: Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt Bild: EPA

Im Zuge des internen Compliance-Verfahrens gegen Julian Reichelt hat der Springer-Konzern Drohschreiben verschickt. Ein Justiziar warf dem Anwalt einer der betroffenen Frauen vor, ihr Aussage-Protokoll an die Medien durchgestochen zu haben.

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          Im Fall des internen Compliance-Verfahrens gegen den ehemaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, dem Machtmissbrauch und Vermischung von beruflichen und privaten Interessen vorgeworfen wird, soll Springer nach Informationen der Zeitschrift Der Spiegel Drohschreiben an den Anwalt Christian Schertz geschickt haben, der eine der betroffenen Frauen vertritt. Demnach habe der Springer-Chefjustiziar Konrad Wartenberg kurz vor Erscheinen eines Berichts in der New York Times und der geplanten Publikation von Ippen-Investigativ Drohschreiben an den Rechtsanwalt verschickt. Der Vorwurf: Schertz oder seine Mandantin hätten ein schriftliches Protokoll ihrer Aussage vor dem Compliance-Ausschuss an Medien durchgestochen. Dieses sei zwecks „Schadensbegrenzung“ sofort zurückzuziehen. Gegenüber Springer habe Schertz die Anschuldigung zurückgewiesen und den Verlag aufgefordert, die Unterstellung zurückzunehmen, ansonsten werde er mit „rechtlichen Schritten“ dagegen vorgehen.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Indes habe eine weitere Kanzlei, KNPZ aus Hamburg, im Auftrag des Springer-Konzerns gegenüber Schertz angekündigt, es handele sich womöglich um einen „Verstoß gegen das Geschäftsgeheimnisgesetz“, was strafrechtliche Folgen haben könne. Dem wiederum habe Schertz entgegnet, dass das Durchstechen des besagten Gesprächsprotokolls geradezu „widersinnig“ wäre. Das bestätigte er am Freitag auch der F.A.Z. Demnach sei es aus „persönlichkeitsrechtlichen Gründen“ nicht einmal für das Compliance-Verfahren freigegeben worden. Das besagte Protokoll liege nach seiner Kenntnis bei ihm und bei Freshfields. Ob auch Vertreter des Springerverlages oder Dritte es kennen, wisse er nicht. Wie es den Weg zur New York Times oder dem Investigativ-Team des Ippen-Verlags gefunden habe, die in der Sache zuerst recherchiert hatten, könne er sich nicht erklären. Die Drohung gegen ihn und seine Mandantin bezeichnete er als „Farce“. Schon die New York Times und Ippen-Investigativ hätten angegeben, das Dokument sei ihnen durch Dritte zugespielt worden. Auch könne er allein schon deshalb kein Interesse an einer Veröffentlichung haben, weil sich alle betroffenen Frauen in diesem Compliance-Verfahren durch eine solche Aktion gegenüber Springer angreifbar machen würden. Sollte Springer seine Unterstellung weiter aufrechterhalten, behalte er sich für sich und seine Mandantin Klage auf Unterlassung und Widerruf vor, sagt Schertz der F.A.Z..

          Springer bestätigte der F.A.Z. am Freitag, Schertz kontaktiert zu haben. Aufgrund der Medienanfragen sei „offenkundig“ gewesen, „dass das Protokoll der Befragung einer von Herrn Prof. Schertz vertretenen Mandantin diesen Medien vorlag, obwohl alle Protokolle – auf Bitten der befragten Personen – unter Vertraulichkeitsschutz standen“. Es sei ihm deshalb mitgeteilt worden, „dass alle anderen Beteiligten am Compliance-Verfahren die vereinbarte (und von seiner Mandantin damals explizit gewünschte) Vertraulichkeit gewahrt hätten“.

          Auf die Frage (die auch der Spiegel ursprünglich an Springer gerichtet hatte), wie das rechtliche Vorgehen gegen Schertz und seine Mandantin mit der in der NYT zitierten Aussage einer Springer-Sprecherin zusammenpasse, nach der man in dieser Sache niemanden anrühre, der Beschwerden vorzubringen hat, heißt es in der Stellungnahme: Man müsse „die Integrität des Compliance-Verfahrens und die Rechte aller daran beteiligten Personen schützen“.

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