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Der „Spiegel“ in Fergus Falls : Lektion in Demut

Ein ausgestopftes Wildschwein schmückt das Rathaus im Verwaltungssitz Fergus Falls nicht: Elch auf den Straßen von Otter Tail County Bild: Picture-Alliance

„Die nachsichtigste Stadt der westlichen Hemisphäre“: Nachdem eine Lügenreportage von Claas Relotius über die amerikanische Kleinstadt aufgeflogen war, kehrt der „Spiegel“ nach Fergus Falls zurück.

          Der „Spiegel“-Korrespondent Christoph Scheuermann hat einen sehr interessanten Ort besucht. Einen „fantastischen“ Ort, wie er schreibt. Fantastisch erscheint er aus zweierlei Gründen: weil Scheuermann dort viele aufgeschlossene Menschen getroffen hat und weil dies die Kleinstadt ist, über die der frühere „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius ein Märchen erzählt und dieses als Reportage ausgegeben hat; Fergus Falls, Minnesota.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es beginnt beim Ortsschild, auf dem allein der Name Fergus Falls steht, kein Zusatz mit „Home of Damn Good Folks“. Den dunklen Wald, von dem Relotius raunte und von dem er sich vorstellte, dass dort Drachen wohnten, gibt es auch nicht. Der Trump-Wähler, der angeblich Kohle schaufelt, hat in Wahrheit ein Fitness-Studio geführt und liefert Pakete aus, der Mann von der Stadtverwaltung sitzt nicht mit einer Beretta in seinem Büro im Rathaus, dieses schmückt auch kein ausgestopftes Wildschwein, er hat, anders als es bei Relotius hieß, eine Freundin und war mit dieser auch schon am Meer. In der Geschichte, die der „Spiegel“-Autor Relotius erzählte, war das alles ganz anders. Die Mexikanerin, die bei ihm auftauchte, ist nicht schwer krank, sondern bei bester Gesundheit, sie träumt sich nicht zurück nach Mexiko und hat gerade mit ihrem Mann ein Restaurant eröffnet.

          Der Bürgermeister von Fergus Falls akzeptiert die Entschuldigung für all die Lügen, die im Namen des „Spiegels“ verbreitet wurden, wie der Korrespondent Scheuermann schreibt, schon beim Reinkommen: „Es sieht aus, als sei Fergus Falls die nachsichtigste Stadt der westlichen Hemisphäre. Die Leute überbieten sich in Nettigkeit. Der erste Satz, den mir der Bürgermeister Ben Schierer entgegenschleudert, lautet: ,Entschuldigung angenommen! Was trinkst du?‘“ Michele Anderson und Jake Krohn indes, die Frau von der Künstlerinitiative und der IT-Berater, die Relotius Lügen Punkt für Punkt widerlegten, sind die Helden der Stadt.

          Dafür könne man sich nur schämen

          Teils seien „die Namen der Fiktion“ von Relotius identisch mit der Realität, teils seien sie verfälscht, schreibt Scheuermann, am Ende müsse „man feststellen, dass die wirklichen Menschen nichts mit den Figuren verbindet, die der Text beschreibt“. Relotius habe in Fergus Falls „eine Fantasie erschaffen, einen Traum von einem Text“. Dieser bediente freilich, wie wir uns erinnern, alle Vorurteile über Trump-Wähler im amerikanischen Hinterland, die man nur haben kann: ein böses Märchen mit klar verteilten Rollen, nicht mit echten Menschen, sondern mit solchen, „die sonntags für Donald Trump beten“, wie es im Vorspann zu Relotius’ fabulösem Text hieß.

          Man habe sich von Relotius, schreibt der neue „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann, „zu sehr einseifen lassen“, man sei „blauäugig“ gewesen und habe ihm „so ziemlich alles geglaubt“. Das habe sich radikal geändert: „De facto müssen wir heute davon ausgehen, dass sämtliche Relotius-Geschichten Fälschungen sind, so wie die in den anderen Medien, für die er geschrieben hat. Selbst wenn Teile seiner Geschichten zutreffen, sind sie gespickt mit Erdachtem. Da hilft es dann auch nicht mehr viel zu wissen, welcher Satz womöglich stimmt. Die Geschichten sind als journalistisches Produkt wertlos.“ Für ein solches Versagen könne man sich nur schämen.

          Interessanter als die Karikaturen von Relotius

          Herausfinden, wie es zum Relotius-Komplex kam, will der „Spiegel“ freilich auch. Im Januar soll die Aufklärungskommission ihre Arbeit aufnehmen. Über deren Ergebnisse soll „in Zwischenetappen“ und in einem Schlussbericht informiert werden, aus dem die „notwendigen Konsequenzen“ gezogen würden. „Wer Verantwortung zu tragen hat“, so Klusmann, „wird sie tragen“. An diesem Versprechen wird nicht nur der neue Chefredakteur, dessen Amtszeit offiziell erst am 1. Januar beginnt, gemessen werden. Die gesamte Glaubwürdigkeit des „Spiegels“ hängt davon ab.

          Den ursprünglichen Text von Claas Relotius (von dem auch drei Texte in den Jahren 2011 und 2013 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung erschienen, die überprüft werden) über Fergus Falls hat der „Spiegel“ gesperrt, nach eingehender Prüfung, wie es heißt, und „auf Bitten der falsch dargestellten und falsch zitierten Protagonisten“. Diese bekommen im „Spiegel“ jetzt etwas anderes über sich und ihren Ort zu lesen. Natürlich habe „auch diese Stadt ihre Probleme“, schreibt der Korrespondent Scheuermann, „aber die Leute strengen sich an, sie sind freundlich, sie arbeiten hart. Die Mehrheit hat für Donald Trump gestimmt, ja, und die Menschen sind wesentlich interessanter, vielschichtiger als die Karikaturen, die Relotius aus ihnen gemacht hat.“ Er habe eine dreitägige „Lektion in Demut“ hinter sich. Das könnte man doch einen Anfang nennen.

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