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Faksimilierte NS-Schriften : Lose Blätter, hautnah

Zu unwissenschaftlich, zu lose: die „Zeitungszeugen” Bild: AP

Das bayerische Finanzministerium stellt Strafantrag gegen das Projekt Zeitungszeugen, das Schriften aus der NS-Zeit als wissenschaftlich kommentierte Blattsammlung vertreibt. Ein Etikettenschwindel, meint Christian Geyer. Die Publikation taugt höchstens als Briefumschlag für NS-Dokumente.

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          Was sagen Leute, die im Jahr 2009 Leitartikel von Joseph Goebbels als Faksimile im Bahnhofsbuchhandel vertreiben wollen? Wie sprechen sie? In welchem Ton bringen sie ihr Anliegen vor? Der Ton ist weder militant noch wirklich Wissenschaft erheischend. Stattdessen wird eine Attitüde der grenzenlosen Begriffsstutzigkeit gewählt. Nach dem Motto: Es wird ja wohl noch möglich sein; siebzig Jahre danach sind wir doch wohl reif genug; nun habt euch mal nicht so. Es ist dieses Gebaren schöner Unbedarftheit, dieser Ton des Aus-allen-Wolken-Fallens, sobald ein Einwand am Horizont erscheint, der dem Streit um die Publikation „Zeitungszeugen“ die aufreizende Note gibt. Oder sollte man sagen: den frivolen Anstrich?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Der englische Verleger Peter McGee druckt Zeitungen und andere Dokumente aus der NS-Zeit nach (wie den „Völkischen Beobachter“ oder den „Angriff“), um, wie es heißt, Zeitgeschichte „hautnah“, „authentisch“ und „erlebbar“ zu machen. Dagegen hat jetzt Bayerns Finanzministerium, dem nach 1945 die Urheberrechte für die meisten nationalsozialistischen Zeitungen übertragen wurden, Strafantrag gestellt. Man werde zudem zivilrechtliche Schritte einleiten, „um künftige Nachdrucke der NS-Hetzpresse wie des Völkischen Beobachters zu verhindern“, heißt es.

          Für den Fall, dass der Urheberrechtsschutz tatsächlich greifen sollte, hat McGees Berliner Anwalt angekündigt, sich auf die sogenannte Zitatfreiheit berufen zu wollen: „Eine Vervielfältigung wie die unseres Mandanten ist zulässig, wenn das zitierte Werk in ein selbständiges wissenschaftliches Werk aufgenommen wird. Das ist bei den Zeitungszeugen mit dem mehrseitigen Mantel, in dem renommierte Historiker die Faksimiles kommentieren, eindeutig der Fall.“

          Etikettenschwindel

          Wenn Juristen das Wörtchen „eindeutig“ wählen, kann man sicher sein, dass ein höchst zweideutiger Sachverhalt verdeckt werden soll. Und so ist es in der Tat auch hier. Was heißt schon, der „Völkische Beobachter“ werde „in ein selbständiges wissenschaftliches Werk aufgenommen“? Hier wird nichts aufgenommen, sondern lose beigelegt. Und der mehrseitige Mantel, aus dem der „Völkische Beobachter“ herausfällt, mag ein selbständiges Werk sein - als wissenschaftliches Werk ist die Loseblattsammlung eine Lachnummer.

          Hier liegt der Etikettenschwindel: Was bei der Publikation „Zeitungszeugen“ als wissenschaftliche Kommentierung und Edition der Quellen nahegelegt wird, geht auf den Text der jeweils abgedruckten Nazi-Propaganda gar nicht ein. Die Wissenschaftler, die als „Team hinter Zeitungszeugen“ vorgestellt werden - darunter renommierte Fachvertreter wie Hans Mommsen -, schreiben kurze Übersichtsartikel etwa zur Machtergreifung oder zum Reichstagsbrand. Aber das jeweils faksimilierte Nazi-Blatt wird davon nur lose berührt, so dass von einer Editionsarbeit nicht die Rede sein kann, ja noch nicht einmal von einer Kommentierung im strengen, quellennahen Sinne.

          Briefumschlag für Nazi-Dokumente

          Wenn Hans Mommsen gegenüber dieser Zeitung erklärt, die Publikation enthalte „nichts, was nicht kommentiert wird“, so fragt man sich, ob er die Publikation, für die er seinen guten Namen hergibt, wirklich kennt. Nehmen wir als Beispiel die faksimilierte Ausgabe des „Angriffs“ vom 30. Januar 1933 mit dem Goebbels-Leitartikel „Reinen Tisch machen!“. Die Kommentierung dieser Quelle erschöpft sich in ein paar linkischen Zeilen der Chefredakteurin von „Zeitungszeugen“, die uns als „wissenschaftliche Mitarbeiterin, Print- und Online-Journalistin, Öffentlichkeitsarbeit“ (!) vorgestellt wird. Der Beitrag über die „Machtergreifung“ sowie jener über die Presse am Vorabend des NS-Regimes gehen indessen mit keinem Wort auf die beigelegte Ausgabe des „Angriffs“ ein. Und man versteht noch einmal besser, warum die Sorge besteht, dass diese Komplettnachdrucke der NS-Blätter ungefiltert in nazionalsozialistische Kreise gelangen könnten: weil sie der Publikation nur lose beiliegen, aber von dieser auch nur lose kommentiert werden. So ist der redaktionelle Mantel, welcher eine gediegene Edition suggeriert, nicht viel mehr als ein Briefumschlag fürs Nazi-Dokument.

          „Wie aber kann man zwischen historischen Fakten und Nazi-Propaganda unterscheiden?“ Die Frage wird im Editorial zwar gestellt, aber bezeichnenderweise nicht beantwortet. Statt Kriterien für eine kritische Analyse der dargebotenen NS-Botschaften zu erörtern, weicht man aus ins Lob der Hautnähe, die man beim Durchblättern der NS-Zeitungen erfahre: „Wenn man die Kleinanzeigen studiert, nachschlägt, wie die Aktien standen, welchen Film man sich im Kino hätte ansehen können oder was die ,moderne Frau‘ in Modefragen beschäftigte, erfährt man vieles aus dem Alltag der Menschen damals.“ Das ist eine Variante des Großunternehmens „Nazionalsozialismus als Spektakel“. Es hat mit kritischer historischer Arbeit nichts zu tun. Es ist die flauschige Art, diese Arbeit überflüssig machen zu wollen. Das Projekt „Zeitungszeugen“ ist eine Verhübschung des Grauens, die grauenhaft ist.

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