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Fake Follower : „Wir bräuchten ein Check-Ministerium“

„Lug und Trug“: Bei Twitter sollen mehr als zweihundert Millionen Fake-Follower verkauft worden sein. Bild: AP

Im Internet werden Millionen gefälschter Twitter-Accounts verkauft. Was machen wir mit der Flut fingierter Netz-Identitäten? Ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Manfred Faßler.

          4 Min.

          Die „New York Times“ berichtet über Millionen künstlich generierte Nutzer, die Dynamiken und Debatten im Netz beeinflussen. Mindestens fünfzehn Prozent der Twitter-Profile sollen Bots sein. Überraschen Sie solche Zahlen?

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Ich bin eher überrascht, dass es so wenige sind. Wir lassen diese Entwicklung seit Jahren zu. Schon wer Cookies akzeptiert, wer seine Daten zur Verfügung stellt, arrangiert sich mit Filterblasen und einer künstlichen Kanalisierung der Bedürfnisse. Im Kontext des Konsums stört das die Menschen weniger, aber wenn es an die Meinungsbildung geht, wird die Erkenntnis drastischer. Ob mir vor allem Empfehlungen für Rotweine angezeigt werden oder rechtspopulistische Inhalte: Beides folgt letztlich dem gleichen Prinzip.

          Der Medienwissenschaftler Manfred Faßler lehrt am Institut für Kulturanthropologie der Goethe-Universität Frankfurt.
          Der Medienwissenschaftler Manfred Faßler lehrt am Institut für Kulturanthropologie der Goethe-Universität Frankfurt. : Bild: Benjamin André, Goethe-Universität Frankfurt

          Neu ist aber die Erkenntnis, dass künstliche Profile realen Personen als Follower verkauft werden, um sie und ihre Themen zu promoten.

          Lug und Trug gab es schon immer. Nur konnte die kritische Öffentlichkeit früher noch stärker regulieren. Inzwischen ist die Fälschung direkter, unmittelbarer. Die gesamte netztechnologische Entwicklung war frei von Regulierungen, und so ein Markt fördert natürlich keine Ehrlichkeit. In Zukunft wird es Roboterstrukturen und andere Varianten Künstlicher Intelligenz geben, die sich als lernende Systeme ständig neue Inhalte errechnen, beobachten, wie die Userbevölkerung darauf reagiert, und diese dann stärken oder abschwächen. Und das im Sekundentakt.

          Was wird dann aus der Nutzung sozialer Medien als Maßstab für aktuelle Trends und Themen?

          Denkbar wäre eine automatisierte Wächter-Software, die kontinuierlich Manipulationen ermittelt. Verschiedene Netzanbieter empfehlen zur Intervention Open-Source-Strukturen, bei denen jeder Inhalte einsehen und ändern kann. Außerdem müssten rechtliche und politische Dimensionen diskutiert werden. Davon sind wir aber weit entfernt. Politische Parteien argumentieren für mehr Bildung im Digitalen, aber keiner denkt darüber nach, wie sich eine Infrastruktur im Netz entwickeln ließe, innerhalb derer Daten auf ihre Richtigkeit geprüft werden können. Wir bräuchten ein Check-Ministerium.

          Liegt die Verantwortung bei der Politik?

          Stakeholder, Regierungsvertreter und Hackervereinigungen diskutieren schon darüber, wie die netztechnologische Entwicklung der nächsten Zeit aussehen soll. Aber wir sollten auch über eine fünfte Gewalt nachdenken. Neben den klassischen Medien gibt es ja diese neue Instanz: Die Gerätenetzwerke sind inzwischen der größte Informationsproduzent. Wir müssen diese neue, soziotechnologische Verfasstheit der Kommunikation anerkennen und bräuchten dafür passende politische und rechtliche Interventionsmöglichkeiten.

          Das Kontrollinstrument „Twitter Audit“ soll dabei helfen, reale von gefakte Fans zu unterscheiden.
          Das Kontrollinstrument „Twitter Audit“ soll dabei helfen, reale von gefakte Fans zu unterscheiden. : Bild: Screenshot FAZ.NET

          Firmen spezialisieren sich auf den Verkauf von Followern. Views auf Youtube, Retweets, Likes und Kontakten auf LinkedIn sind im Angebot. Wieso wird so etwas zugelassen?

          Die klassische Haltung ist, dass im Digitalen nun einmal die Gesetze des Marktes gelten. Wenn Bedarf besteht, wird er erfüllt. Dabei handelt es sich hier um eine Öffentlichkeit, die bestimmter Interventions- und Korrekturmöglichkeiten bedarf. Aktuell kann man sich zwar über ein gefälschtes Produkt beschweren, aber das ist nicht genug. In einer Diskussion, die sich der neuen Verantwortung stellt, müsste jede Aktion eines erfundenen Profils als öffentliche Lüge justifiziert werden. Denn solche Fakes greifen tief in das Leben und Denken von Menschen ein.

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