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Fake Follower : „Wir bräuchten ein Check-Ministerium“

Wie lassen sich solche Fakes erkennen?

Nur im Vergleich, durch klärende Kommunikation, durch Kennzeichnungspflicht – wie etwa bei Nahrungsmitteln. Es ist wie bei einem Kneipenbesuch. Wenn ich da am Tresen stehe, höre ich auch viel Unsinn. Dann gehe ich und wähle die Zusammenhänge aus, die wichtig sind. Auch im Netz kommt es auf solche Kriterien an. Da ist vor allem der eigene Verstand gefragt. Wenn etwas zwar medial daherkommt, ich aber keine Referenz dafür habe, muss ich mich durchfragen können, bis zum Plattform-Betreiber. Je mehr Nachrichten automatisiert erzeugt werden, desto schwieriger wird das natürlich. Ein datentechnologischer Lügendetektor wäre gut – ist aber illusionär.

Bisher hält sich die Empörung in Grenzen, obwohl Bots Debatten manipulieren und sich die Daten realer Profile zu eigen machen.

Es gibt da eine merkwürdige Entwicklung: Wer sich als User sieht, nimmt sich als subjektfreie Zone war. Man gibt seine Daten preis und schenkt den Anbietern gleich noch seine Loyalität. In unserem Selbstverständnis findet diese neue Technologisierung der Persönlichkeit keine Entsprechung. Dagegen vorzugehen hieße, eine Sozialisationsdebatte zu führen, und zwar in den Fächern, die traditionell dafür zuständig sind: in der Soziologie, der Kulturwissenschaft, der Pädagogik. Was bedeutet Identität für jemanden, der gleichzeitig Mensch und User ist? Diese Debatte gibt es aber bisher nicht.

Auch nicht an den Hochschulen?

Wir debattieren darüber. Aber die meisten Forschungen kreisen um Netztechnologie, die Infrastruktur der Nutzung, die Möglichkeiten der Beteiligung und Beeinflussung. Was fehlt, ist eine philosophische Diskussion auf Grundlage der technologischen Infrastruktur. Technologie ist hundert Prozent menschengemacht und damit erst mal kein Feind des Menschen. Sie wird dann zum Feind, wenn Unternehmen Bots als Follower, User als Freunde verkaufen und Fake News milliardenfach ins Netz gelangen. Wo ist in solchen Fällen die Technikethik?

Der Publizist Richard Gutjahr hat kürzlich von seinem jahrelangen Kampf gegen Hetze im Netz berichtet. Er glaubt, dass wir Hardlinern das Wissen über die Dynamiken der Meinungsbildung im Netz überlassen haben.

Früher glaubten wir an den Cyberspace als einen unbelebten Raum, den wir mit unseren Aktivitäten beleben könnten, eine veränderte, bessere Welt. Jetzt führen wir schon seit fünfzehn Jahren die Diskussion über Hass im Netz. Was dabei zu spät berücksichtigt wurde: Die Verfeindlichung der Kommunikation wird nicht nur im Darknet, sondern ganz offen und mit strategischen Absichten vorangetrieben. Es stimmt: Wir haben vieles überlassen. Während wir die Hackerszene beobachteten, haben wir übersehen, wie Hassblasen entstanden. Jetzt müssen wir akzeptieren, dass unsere Kommunikation nicht automatisch für Verständigung sorgt. Aus dem Kampf der Kulturen ist ein Kampf der Medienkulturen geworden.

Hintergrund

Die „New York Times“ hat vor kurzem dargelegt, wie die amerikanische Firma Devumi Millionen gefälschte Accounts in den sozialen Netzwerken vertreibt. Bei Twitter sollen mehr als zweihundert Millionen Fake-Follower an Stars, Sportler, Influencer, Politiker und andere Kunden vermittelt worden sein. Die Phantom-Profile, die oft existierenden Accounts ähneln, können mit ihren Inhalten und Bewertungen Debatten beeinflussen und Meinungen manipulieren. Auch deutsche Firmen verkaufen Likes und Follower. Twitter, Facebook und andere Social-Media-Unternehmen, deren Marktwert an ihre Anzahl von Nutzern gekoppelt ist, haben bei der Suche nach und der Eliminierung von Fake Accounts ihre eigenen Regeln.

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