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Facebooks Regime : Widerstand ist zwecklos

Gibt sich nicht einmal mehr Mühe, die eigene Sammelsucht mit freundlichen Worten zu erklären: Facebook Bild: dpa

Facebooks neueste Änderungen der Nutzungsbedingungen sind fundamental. Die Eingriffe des Unternehmens erinnern an die eines Polizeistaats. Das Netz wird zunehmend diktatorisch.

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          Als Facebook vor ein paar Wochen ankündigte, seine Geschäftsbedingungen zu ändern, dauerte es nicht lang, bis man im Internet die ersten Ratschläge lesen konnte, was man dagegen tun könne. Auf Facebook selbst, empfahlen einige, könne man immerhin die Verwendung der Daten einschränken, auf der Website youronlinechoices.com die Cookies ausschalten, die Firmen einsetzen, um Daten für nutzungsbasierte Online-Werbung zu sammeln. Einige Facebook-Nutzer hofften, die neuen AGB ablehnen zu können, indem sie einfach eine Grafik mit ihrem Widerspruch posten. Dabei macht Facebook in eben jenen Geschäftsbedingungen sehr deutlich, dass sie nicht verhandelbar sind: Die Nutzer können sie zwar gerne „überprüfen“ und „kommentieren“, stimmen ihnen aber automatisch zu, wenn sie sich einloggen. Die Vorstellung aber, man könne sich mit ein paar Klicks gegen die Sammelwut wehren, ist rührend. Im Zweifelsfall profitiert Facebook auch noch von der Information, dass man mit seinen Praktiken nicht einverstanden ist.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nun ist es einerseits nicht ungewöhnlich, dass Kunden die Geschäftsbedingungen von Firmen nicht ändern können, das ist auch bei der Mitgliedschaft im Fitnessclub oder bei der Buchung eines Flugtickets nicht anders. Facebooks aktuelle Änderungen aber sind fundamental: Künftig will das Unternehmen auch außerhalb von Facebook selbst Daten sammeln und dazu seine Nutzer durchs ganze Internet verfolgen – und auf ihren Smartphones durch die ganze Welt. Auf die analoge Welt übertragen wäre das etwa, als müsste, wer ein Auto kauft, ständig beim Hersteller Bescheid sagen, wohin er gerade fährt und mit wem, und zwar auch, wenn er zu Fuß unterwegs ist. Dass sich Facebook nicht einmal die Mühe macht, seine Sammelsucht mit ein wenig freundlicher Propaganda zu erklären, zeigt, wie unangreifbar der Dienst mittlerweile ist. Es ist die Devise eines Polizeistaats, die Facebook seinen Kunden vor den Kopf knallt: Widerstand ist zwecklos.

          Ein klarer Fall von Apophänie

          Dass die Ohnmacht gegen das Regime der Algorithmen so groß wie nie ist, das war in etwa auch der Tenor der Vorträge auf der diesjährigen Transmediale, die schon mit ihrem Motto „Capture All“ dystopische Klänge anschlug. Das jährliche Klassentreffen der Computerkünstler und Netzkritiker war bisher meistens auch eine Feier des Widerstands und der kreativen Gegenstrategien. In diesem Jahr war die Desillusionierung nicht zu überhören. Das fing mit dem Vortrag des gerade aus der Haft entlassenen Pirate-Bay-Gründers Peter Sunde an, der den Kampf für die digitale Freiheit für verloren erklärte und das Internet als „zentral gesteuerte Scheindemokratie“ bezeichnete. Und setzte sich vor allem auf dem Panel „All Watched over by Algorithms“ fort. Es war ja alles richtig, was die Philosophin Antoinette Rouvroy über die Wirkungsweise der „algorithmischen Gouvernementalität“ sagte, dass nämlich ein Regime der Daten Menschen regiert, als ob sie Tiere wären (weil sie nach Derrida nur auf Stimulationen reagieren können, aber nie antworten). Oder was ihr Kollege Matteo Pasquinelli über die Wahnhaftigkeit der Datenauswertung anmerkte, bei der es sich um einen klaren Fall von Apophänie handle, einer psychotischen Wahrnehmungsverschiebung, bei der man Muster oder Zusammenhänge in bedeutungslosen Einzelheiten der Umwelt zu erkennen glaubt.

          Aber auch ihre brillanten Analysen hatten dem Defätismus von Evgeny Morozov kaum etwas entgegenzusetzen. Man werde nichts an den Problemen ändern, indem man sie enthüllt, sagte Morozov. Es seien die Besitzverhältnisse, jene der Daten und der Infrastruktur, die geändert werden müssten. Und andererseits habe er kein Problem damit, unter der Herrschaft der Algorithmen zu leben, schließlich täten wir es schon lange: „Der Markt“, erklärte er mit Friedrich von Hayek, „ist der mächtigste kybernetische Apparat, der je konstruiert wurde“. Richtig beruhigend klang das auch nicht.

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