https://www.faz.net/-gqz-79q5t

Facebook, Twitter, Flut : Lisa Müller gefällt „Das Hochwasser 2013“

Kein Platz mehr: Die über das Internet rekrutierten Helfer sind, wie hier in Dresden, so zahlreich, dass inzwischen auch Aufrufe ergehen, nicht zu kommen. Bild: Matthias Luedecke

Wo fehlen Sandsäcke, wo braucht jemand Essen, wo wird schon evakuiert? Im Hochwasser-Chaos helfen Twitter und Facebook - manchmal sogar so gut, dass es dann eines eigenen Helfer-Managements bedarf.

          Als 2002 schon einmal eine Jahrhundertflut durch Dresden rollte, stieg Sebastian Kretschmar in seine Watthosen und zog los. Dahin, wo Sandsäcke gefüllt und Keller ausgeschöpft werden mussten, immer der Katastrophe hinterher.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese Woche war der Dresdner wieder unterwegs, in seinem Viertel Laubegast direkt an der Elbe, aber dieses Mal hat er sich vorher an den Computer gesetzt.

          Ein paar Straßen von Kretschmars Wohnung entfernt bewohnt ein Rentnerehepaar ein Kellergeschoss, ihr sämtliches Mobiliar musste ausgeräumt werden, die Frau hatte erst vor kurzem eine Lungenembolie durchgestanden.

          Kretschmar trug den Straßennamen auf der Facebook-Seite „Fluthilfe Dresden“ ein, schrieb „Rentnerehepaar braucht Hilfe“ und machte sich auf. Am Anfang waren die Helfer nur zu fünft, und Kretschmar dachte, dass sie es nicht schaffen, bis das Wasser zu hoch stehen würde. Aber dann, als der Hilferuf auf Facebook oft genug geteilt worden war, kamen mehr als dreißig Leute, und alles ging ganz schnell. „Facebook“, sagt Kretschmar, „ist der Hammer. Die Hilfe dort ist enorm.“

          Helferreisegruppen aus den westlichen Bundesländern

          2002 gab es weder Twitter noch Facebook. 2013 gibt es unzählige Seiten in Mark Zuckerbergs Netzwerk. Bei der „Infoseite Hochwasser Bayern 2013“ haben 133.000 Menschen auf „gefällt mir“ geklickt. Es gehört wohl zu den Absurditäten des sozialen Netzwerks, dass dort dann Meldungen auftauchen, die „Lisa Müller gefällt ,Das Hochwasser 2013’“ lauten - und wahrscheinlich stolpern darüber aber nur diejenigen, die in den trockeneren Teilen Deutschlands ihre Timeline durchklicken.

          Beim Technischen Hilfswerk (THW) jedenfalls finden sie die neue Helferorganisation über das Internet „klasse“, wie Sprecher Nicolas Hefner sagt. Seine Leute müssten jetzt aber erst einmal mit der neuen Situation umgehen lernen - wobei die Experten vom THW auch bisher schon, auch bei der Elbflut vor elf Jahren, mit ganzen Helferreisegruppen aus westlichen Bundesländern umzugehen hatten. Wie viele Leute wirklich loslegen, die bei Twitter schrieben, sie zögen los - das, sagt Hefner, sei schwer einzuschätzen.

          Sven Mildner hat es gesehen, am Dienstag, am Terrassenufer in Dresden. „Da war alles voll mit Helfern, die haben sich schon gegenseitig behindert“, sagt er. Mildner, zwischen dessen Firma in Dresden und der Elbe drei Stadtteile und eine Autobahn liegen, hat selbst mit dafür gesorgt, dass die vielen Sandsackträger in die Innenstadt kamen.

          Sven Mildners Hochwasserkarte bei Google

          Er hat eine Karte bei Google erstellt, „Hochwasserkampf Dresden“ heißt sie, bis gestern wurde sie mehr eine Million Mal aufgerufen. Zusammen mit sechs anderen trägt Mildner dort die Hilferufe, die er bekommt oder bei Facebook findet, ein, bemalt überschwemmte Gebiete mit blauer Farbe, markiert Evakuierungszonen und Straßensperrungen.

          „Anders als bei Facebook finden sich auf einer Karte auch die Helfer zurecht, die sich nicht auskennen“, sagt er. Der Kartendienst von Google sei zwar nicht ganz optimal. Als die Karte noch für alle zur Bearbeitung offen war, da haben Leute Punkte, an denen angeblich Sandsäcke benötigt würden, in den Atlantik gesetzt. Mildner hofft, dass für die Fluten der Zukunft Hilfsorganisationen und Städte selbst geeignetere Dienste programmieren, das sei ganz leicht.

          In der Gegenwart nutzen die Städte neben ihren eigenen Internetseiten Twitter und Facebook. Die Stadt Leipzig twitterte in den vergangenen Tagen die Orte durch, an denen die Dämme unter besonders großem Druck stehen. Am Dienstag musste die Stadt dann, ebenfalls auf Twitter, Übersättigung melden: „Wir sind überwältigt“, hieß es. Aber in zwei Vororten seien jetzt so viele Helfer, „dass wir Sie jetzt bitten müssen, nicht hinzufahren!“.

          Eine Lagerhalle musste her

          Diana Schmelber wohnt in der Nähe von Passau und kennt die große Solidarität, die das soziale Netz besser und schneller zu organisieren vermag als die Anzeigenspalten in den Lokalzeitungen, in denen im Südosten Bayerns bei den Hochwassern bisher um Hilfe gebeten wurde.

          Schmelber organisiert die Facebook-Gruppe „Mamas helfen“. Dort werden Klamotten, Spielsachen und Hygieneartikel gesammelt, die von örtlichen Vereinen an Familien verteilt werden, deren Hab und Gut in der Flut davonschwamm.

          Der Gruppe gehören mehr als 1500 Mitglieder an, Helfer fahren Hunderte Kilometer, um ihre Spenden zu den Sammelstellen zu bringen. Inzwischen kommen so viele Sachen an, dass die Frauen am gestrigen Mittwochmorgen einen weiteren Hilferuf auf der Facebookseite „Hochwasserhilfe Passau“ absetzen mussten:

          Eine Lagerhalle musste her. Zwei Stunden später war Diana Schmelber auf dem Weg nach Passau: Der Gruppe war eine schon länger leerstehende Halle auf dem ehemaligen Gelände von Siemens angeboten worden.

          Weitere Themen

          Karamba, Karacho, vorbei!

          Heinos Abschied im ZDF : Karamba, Karacho, vorbei!

          Man hätte längst nicht mehr damit gerechnet, aber Heino geht, und selbst die Spötter trauern. Das ZDF verneigt sich vor dem wohl coolsten und erfolgreichsten deutschen Sänger des vergangenen Jahrhunderts.

          Topmeldungen

          Brexit-Chaos : Was nun, Frau Premierministerin?

          Theresa May verschiebt die Abstimmung über den Brexit – und löst damit ein Chaos aus: Das Pfund stürzt ab, das Parlament rebelliert, die Bürger sind genervt. FAZ.NET stellt die vier wichtigsten Fragen zur Zukunft Großbritanniens.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.