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Facebook löscht Domian-Postings : Glaubensfragen

„So etwas darf man nicht mehr schreiben?“: Radio-Moderator Domian ärgert sich über Facebook Bild: picture alliance / dpa

Facebook hat kritische Beiträge des Radiomoderators Jürgen Domian gelöscht. Und sich entschuldigt. Fans fordern, Domian möge sich grundsätzlich für die Meinungsfreiheit im sozialen Netzwerk starkmachen. Der Moderator antwortet.

          Jürgen Domian ist verärgert und fassungslos: Facebook hat, wie der nachtaktive Radiomoderator am Montag Abend auf seiner persönlichen Facebook-Seite beklagte, Beiträge Domians und Kommentare seiner Leser gelöscht. Eine kritische Stellungnahme zum Auftritt des katholischen Hardliners Martin Lohmann bei Günther Jauch, ein nach Domians Worten „völlig harmloser (und durchaus wohlwollender) Text zum neuen Papst“ und mehrere Beiträge zur Homo-Ehe sollen zwischenzeitig verschwunden gewesen sein.

          Über Lohmann hatte Domian am 6. Februar geschrieben: „Er ist ein mächtiger Strippenzieher im katholischen Kosmos und er hat einen gehörigen gesellschaftlichen Einfluss. Deshalb darf man solche Leute nicht unkommentiert durch die Talk-Shows tingeln lassen.“ Er solle sich „von diesem Mann und seinem missionarischen Durchfall“ auch weiterhin nicht beeindrucken lassen, schrieb Domian, an Günther Jauch gewandt.

          Angst und bange

          Die Löschung seiner Einträge sei „ungeheuerlich“, schrieb Domian am Abend in seinem Beitrag, der auf Facebook für Furore sorgt: „Mit Meinungsfreiheit hat das nun rein gar nichts mehr zu tun. Die Texte hätten als Kommentar in jeder öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt über den Sender gehen können, hätten in jeder Zeitung stehen können.“ Dennoch habe das soziale Netzwerk ihm mitgeteilt, selbst der Beitrag über den Papst entspräche „nicht den Richtlinien von Facebook“.

          „So etwas darf man nicht mehr schreiben? Hier schon übt Facebook Zensur aus?“, fragt Domian empört: „Mir wird angst und bange bei der Vorstellung, in unserem Land würden politische Kräfte erstarken, die die Demokratie bedrohen. Eine vermeintlich demokratische Plattform wie Facebook würde wohl sofort des neuen Herrn Diener sein.“

          Facebook gesteht Fehler ein

          Nicht nur die über 26.000 Nutzer, die den Beitrag „geteilt“ haben, die über 18.000 Nutzer, die ihr Gefallen signalisiert, und die über dreitausend Nutzer, die den Vorfall direkt am Beitrag auf Facebook kommentiert haben, nehmen den Vorfall ernst. Auch die hiesige Sprecherin des sozialen Netzwerks, Tina Kulow, hat reagiert: mit einer Entschuldigung. Sie nannte die Löschung einen Fehler, entstanden bei dem Bemühen Facebooks, „Menschen vor Missbrauch, Hass-Rede und Mobbing zu schützen“.

          Dann wird die Sprecherin feierlich: „Wir glauben fest daran, dass Facebook-Nutzer die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu äußern, und dass wir in der Regel diese Inhalte, Gruppen oder Seiten, die sich gegen Länder, Religionen, politischen Organisationen oder Ideen richten, nicht entfernen.“

          Für die Meinungsfreiheit

          „Die Entschuldigung ist die eine Sache, die weitere Verfahrensweise die andere“, sagt Jürgen Domian im Gespräch mit der F.A.Z., „natürlich müssen die gesperrten Posts wieder veröffentlicht werden. Dass es technisch schwierig ist, kann ich nicht glauben. Und ich bin gespannt, wie es weitergeht, wenn ich die nächsten Meinungsäußerungen veröffentliche.“ Er habe auch von anderen Nutzern gehört, dass einwandfreie Beiträge gelöscht worden seien, während eindeutig rechtslastige Posts oft unbeachtet stehenblieben.

          Während auch Tina Kulow in Kommentaren umgehend gefragt wird, wie Facebooks Reporting-Systemen die Beiträge „diverser Neonazi-Gruppen“ entgehen können, rufen Domians Fans den prominenten Moderator dazu auf, sich über diesen Einzelfall hinaus für die Meinungsfreiheit bei Facebook stark zu machen.

          Domian: Regeln müssen nachvollziehbar sein

          „Es ist natürlich richtig, dass eine so große Plattform Gesetze und Regeln hat, nach denen veröffentlicht und gehandelt wird“, sagt Domian, „aber Facebook ist eine sehr mächtige Kommunikationsplattform, die nicht nach eigenen, undurchschaubaren Gesetzmäßigkeiten agieren können sollte. Man müsste Beispiele sammeln, wo sonst noch die Meinungsfreiheit unberechtigt beschnitten wurde, und dann schauen, ob man seine Stimme erhebt.“

          Das aktuelle Wochenthema der Radio-Sendung, in der Domian montags bis freitags von 1 Uhr an mit seinen Hörern spricht, passt übrigens bestens zur Rhetorik der Facebook-Sprecherin: Es geht um Glauben.

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