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Zuckerbergs Leselust : Der Bücherwurm

  • -Aktualisiert am

Ob ihm wohl bewusst ist, wie sich „digital detox“ auf sein Unternehmen auswirken würde? Bild: Reuters

Plötzlich hat er das gedruckte Wort für sich entdeckt. Warum den Gründer von Facebook jetzt die Leselust gepackt hat ist rätselhaft. Was passiert, wenn sich Mark Zuckerberg mit Büchern beschäftigt?

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          Wenn Mark Zuckerberg zum Jahreswechsel eine brandneue challenge ausruft, an der natürlich sein ganzes soziales Netzwerk teilnehmen darf, vermutet man ja gleich wieder frostige Erpressercharity, bei der Leute sich kübelweise Eiswasser über den Schädel kippen müssen, um nicht als isolierte Misanthropen dazustehen.

          Doch nein, der Facebook-Chef will 2015 offensichtlich lieber etwas in den Kopf als über denselben kriegen und verkündet das „Jahr der Bücher“. Richtig, das sind diese Publikationen mit schrecklich vielen lines statt timelines, die zu verarbeiten die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Nerds längst nicht mehr ausreicht. Aber weil es mittlerweile bei der Hautevolee der Netzwirtschaft total schick ist, digital detox zu predigen und dabei leis zu beten, dass nur ja alle anderen weiter dem totalen immerwährenden digitalen Medienkonsum verfallen bleiben mögen, liest Zuckerberg jetzt Bücher.

          Ein programmatischer Start

          Denn Bücher seien „intellektuell sehr erfüllend“ und – man lese und staune: „Bücher können ein Thema viel umfassender darstellen als die meisten anderen Medien heute. Ich freue mich deshalb, meinen täglichen Medienkonsum auf Bücher hin zu verlagern.“ Das klingt, als wolle einer jetzt mal richtig dicke Bretter bohren, und damit er das nicht unbemerkt im stillen Kämmerlein tun muss, geschieht das Ganze natürlich sozial vernetzt. Die Lektüreselbstverpflichtung hatte sich Zuckerberg schon auferlegt, indem er Nutzer über verschiedene „Herausforderungen“ hatte abstimmen lassen. Nun sollen sie auf einer eigenen Facebook-Seite kommentieren und diskutieren, was beim Chef so unterm Kopfkissen liegt. Alle zwei Wochen will Zuckerberg einen neuen Band durcharbeiten.

          Wir fragen uns da nur: Hat er vielleicht die Feiertage damit zugebracht, ein bisschen mit Jeff Bezos hin- und herzumailen und auszukungeln, welche Werke eine Portion Facebook-Werbung gut vertragen könnten? Mehr als hunderttausend Likes bisher für Zuckerbergs Lektürewillen sind schon eine Marke. Wird er den Koran lesen, wie ihm die meisten Kommentare mit Empfehlungen raten? Oder doch lieber nicht? Scannt die Facebook-Zensur, die gerade erst ein Buchcover mit der Reproduktion von Michelangelos „Erschaffung Adams“ auf den Index der verbotenen Anblicke verschoben hatte, auch Zuckerbergs Lesekanon? Liest Zuckerberg überhaupt selbst, oder läuft gerade einer mit der Sackkarre voller Bücherkisten und E-Readern zu den Praktikantenbüros?

          Das erste Buch auf Zuckerbergs Liste scheint freilich zu programmatisch: „The End of Power“ von Moisés Naím handelt davon, wie im Digitalzeitalter viele Kleine den Großen da oben das Wasser abgraben. Wenn einer, den viele Kleine zu einem ganz Großen gemacht haben, das liest, wirkt es selbstironisch – oder wie eine Herausforderung der ganz anderen Art.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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