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Facebook : Die Fallen des Gefallens

  • -Aktualisiert am

Der Streu-Effekt funktioniert nicht: Gekaufte Fans interagieren fast nie mit der Seite Bild: Kat Menschik

Eintausend Fans gibt es für gut hundert Euro: Auf Seiten wie fanslaves.com können sich Unternehmen virtuelle Unterstützer kaufen. Facebook sperrt jetzt Nutzern, denen zu viel gefällt, die „Like“-Funktion.

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          Ich bin Fan von 19 Facebook-Seiten. Von sechs, weil sie einer meiner Freunde betreibt; von fünf, weil ich beruflich oder universitär damit verbunden bin; von vier aus Informationsgründen, von zwei aus privatem Zugehörigkeitsgefühl und von zwei aus politischer Überzeugung. Hinzu kommen in meinen persönlichen Angaben zwei Schriftsteller und drei Bücher, die mir gefallen, sowie vier Filme, die mich einmal bewegt haben. Es ist nicht so, dass mein Sympathiehorizont auf diese Angaben beschränkt wäre. Sie sind auch nicht wahllos zusammengestellt. Sie sind in mein dreijähriges Facebook-Leben getreten und haben dort meinen Gefallen gefunden.

          Viel sind 19 Seiten nicht. Einige meiner Freunde sind Fans von mehr als 300 Seiten. Schon immer habe ich mich gefragt: Woher nehmt ihr all eure Sympathie? Wer so vielen Seiten seinen Zuspruch gibt, sagt nichts mehr über seine Person aus - als Profilbesucher kann man sie sich in ihrer Gesamtheit gar nicht ansehen. Aber der Zuspruch hilft den Betreibern als kleinem Teil des großen Ganzen, ihre Popularität zu steigern.

          Die User sind Facebooks Währung. Fans sind eine Teilwährung von Firmen, Popstars, Politikern. Justin Bieber war eines der ersten Facebook-Phänomene. Bevor man ihn in der realen deutschen Welt überhaupt wahrgenommen hatte, besaß er schon mehr als zehn Millionen Fans. Doch jetzt wird dem Massen-Gefallen ein Riegel vorgeschoben: Facebook belegt Nutzer, die zu viele Seiten „liken“, mit einer „Like“-Sperre für mehrere Stunden oder Tage. In der Erklärung heißt es dann: „Du wurdest vom Verwenden von ,Gefällt mir' blockiert, weil du diese Funktion wiederholt missbraucht hast.“ Weiteres intensives Nutzen der „Like“Funktion kann zum Löschen der Person führen.

          „Das macht doch jeder“

          Grund für dieses Eingreifen sind die sogenannten „Fanslaves“. Seit einiger Zeit sind Fans nicht mehr nur Rezipienten von Werbung und eine virtuelle Währung, die den Beliebtheitsgrad eines Unternehmens oder einer Person anzeigen. Sie sind zur echten Währung geworden. Jeder Facebookseiten-Betreiber kann sich seine eigenen Fansklaven schaffen. Für 17 Euro bekommt man 100, für 103 Euro 1000 und für knapp 1000 Euro 2000 Fans. Wenn die auch noch aus der anvisierten Zielgruppe stammen sollen, kostet es das Doppelte. Angeboten wird diese Dienstleistung unter anderem auf der Internetseite fanslaves.com. Dort schließt sich der Kreis wieder: An gleicher Stelle werden auch Fans geworben. Denn Nutzer haben die Möglichkeit, mit dem „Liken“ vieler Seiten Geld zu verdienen.

          Heißt das nun, dass meine Freunde alle käuflich sind? Als Facebook noch recht jung war und in Deutschland nicht so populär, als man noch 50 und nicht 500 Freunde hatte, da schaute man sich die „Posts“, also die an die virtuelle Pinnwand gehefteten Beiträge seiner Bekannten, noch genauer an. Auf einmal erfuhr man, was andere unternehmen, erhielt einen neuen Buchtipp, lernte eine Bar kennen, die man auch einmal besuchen könnte, fand neue Lieblingsmusik und klickte „Gefällt mir“ bei Seiten, auf denen Freunde das auch schon getan hatten.

          Nun ist man gezwungen, Menschen zu blockieren, weil sie einem zehn Mal täglich das Neuste aus ihrem Leben mitteilen und weil man nun auch so viele von diesen „Freunden“ hat. Als mich kürzlich eine Bekannte bat, die Seite der Diskothek, für die sie arbeitet, die mir aber gar nicht gefällt, zu „liken“, und ich dies mit der Begründung ablehnte, dass ich auch bei Facebook mein Gefallen nicht vorheucheln möchte, erntete ich einen beleidigten Blick und die Frage: „Warum? Das macht doch jeder.“ Und als, während ich diesen Artikel schrieb, bei Facebook die Meldung kam, dass einem meiner Freunde vierzig neue Seiten gefallen, fragte ich mich, ob er nun auch ein Sklave ist.

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