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Fabelhafter Regionalkrimi im BR : Die zweite Niedernussdorfer Sonderermittlung

  • -Aktualisiert am

Bayerische Zünftigkeit in ihrer ganzen Kraft: Polizist Richie (Tim Seyfi) stimmt im Wirtshaus ein Liedchen an Bild: Christian Hartmann

Seltsam, gruselig, deftig, also im wahrsten Sinne heimatverbunden: Inspiriert von David Lynch und den Coen-Brüdern brilliert das Bayerische Fernsehen mit dem Niederbayern-Krimi „Paradies 505“.

          Es gibt Bayern, und es gibt den Rest der Republik. Und es gibt den Bayerischen Rundfunk, der besonders im Fernsehkomödienfach seit je erfolgreich Werbung für den bayerischen Sonderweg macht. Nicht allein dort, sondern auch beim modernen Heimatfilm. Und, nicht zu vergessen, im Krimigenre.

          Seit 2007 produziert der BR seine Heimatkrimireihe, auch Kommissar Kluftinger hatte hier seinen ersten Auftritt („Erntedank. Ein Allgäukrimi“). Inzwischen gibt es Krimireihen mit regionalem Bezug sonder Zahl, und die schiere Menge der „Schmunzelkrimis“ verlockt niemanden mehr zum Schmunzeln. Wie so oft beim Fernsehen: Eine gute Idee - Krimi plus Heimat plus Skurriles - wird durch unkontrollierte Vermehrung zu Tode geritten.

          In der Heimatkrimireihe des BR aber ist so gut wie alles anders. Produziert für die Ausstrahlung im Dritten Programm, leistet man sich, was der Schnelllebigkeit zuwiderläuft. Das ist schon einmal eine gewisse Rarität. Mit „Paradies 505“ zeigen die Bayern jetzt den sechsten Heimatkrimi und erst den zweiten „Niederbayernkrimi“ überhaupt. Einer pro Jahr, fertig. Schauplätze waren bisher Würzburg, das Allgäu, die Alpen und Franken. Und eben Niederbayern.

          Dialekt ist völlig unerlässlich

          In Vorbereitung für 2014 ist ein Starnbergkrimi. Und obwohl der erste Niederbayernkrimi von Max Färberböck, „Sau Nummer Vier“, mit Preisen großzügig versehen wurde, bleibt man bedächtig. Arbeitet an Solitären, um nicht zu sagen, an Juwelen. Die speziell im niederbayerischen Niedernussdorf ganz schön dreckig sein können. Als wär’s ein Stück von David Lynch oder den Coen-Brüdern.

          Beide bisherigen Niederbayern-Krimis, dies verdient ausdrückliche Erwähnung, stammen aus der Feder des Drehbuchautors Christian Limmer.

          Dialekt ist dabei unerlässlich. Soll doch abschalten, wer nichts versteht. Wer aber als Nichtniederbayer genau hinhört, entdeckt im Sprechen der Figuren so viel Mentalität und Geschichte, Individualität, Heimatliebe und Lebenswirklichkeit, dass die hochdeutsche Sprechabstraktion dagegen nur wie eine Schwundstufe rhetorischer Möglichkeiten wirkt. Heimatsprache als wirklicher Selbstausdruck.

          Die Volksmusik ist eine zweite Besonderheit (Sebastian Horn, Gerd Baumann und Dominik Schreiber). Modern komponierte, aber klassisch bayerische Lieder werden hier gesungen; Lieder vom Ableben und von der Liebe, und im Wirtshaus übernimmt das Personal singend und gelegentlich auch zünftig hinlangend die Rolle des antiken Chors.

          Mehrere Tote sind zu beklagen, Schuld und Zufall spielen ihre Rolle ebenso wie Halsstarrigkeit, Arbeitsscheu und der messerscharfe Verstand der Hauptkommissarin, der sich hinter einer gemütlichen Physiognomie und einem Charakter tarnt, der zwar auch vom „Mia san mia“ geprägt, im entscheidenden Moment aber nicht zu korrumpieren ist. Seltsam, gruselig, genreverliebt, deftig, so menschenfreundlich wie illusionslos und heimatverbunden ist auch die zweite Niedernussdorfer Sonderermittlung von Gisela Wegmeyer (Johanna Bittenbinder) und ihrem überambitionierten Straubinger Kollegen Florian Lederer (Florian Karlheim) mit seiner betonierten blonden Frisur samt Schnäuzer und Siebziger-Jahre-Kluft (Auftrittsmusik: eine „Stayin’ Alive“-Variation). Seine Spezialität: Mit der Hoftür ins Haus fallen. Die ihrige: sämtliche herausgefallenen Türen behutsam wieder einsetzen und beharrlich nachdenken.

          Der Heimatfilm als bayerischer Western

          Das muss sie schon deshalb, weil ihre drei Hilfspolizisten Schorsch, Erwin und Richie (Stefan Betz, Moritz Katzmair und Tim Seyfi) entweder die Arbeit verweigern, in den Sand setzen oder abgelenkt sind. Wieder findet der Dorfdackel Seppel zum Auftakt ein Körperteil da, wo keins sein sollte. Im ersten Fall war das ein abgebissener Finger, nun ist es ein lackierter Zeh samt silberner Sandale. Diesmal aber hängt der Körper noch dran, nur zwei Meter von der Gemeindegrenze im Wald vergraben. Die Hilfspolizei berät: Ob man die Leiche der jungen Physiotherapeutin Danijela, die nebenberuflich im Bad Reibacher Wellness-„Paradies 505“ Spezialmassagen verabreichte, nicht einfach etwas verlegen könnte?

          Die Leiche bleibt im Sprengel, der Heimatfilm gibt sich als Western (Kamera: Felix Cramer), macht das Wirtshaus zum Saloon und zeigt Niederbayern als sanfthügelige Landschaft mit Sonnenblumen und blauem Himmel, Beerdigungen, die handgreiflich verlaufen, einem Pfarrer, bei dem bitte schön auch niemand den ersten Stein werfen sollte, und einem umgehend versterbenden Allgemeinarzt, der den Männern des Dorfes allzu oft „Fango“ verschrieb. Es herrscht ein höherer Realismus. Der Humor, eher hintersinnig als vordergründig, muss bisweilen dem Schrecken weichen. Heimat ist hier so. Brauchtumsgesättigt und harmlos? Im Leben nicht. Und beim Sterben schon gar nicht.

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