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F.A.Z.-Frühkritik: Beckmann : Sich verflüssigender Boden

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Vielleicht sollte man doch öfter Briefe schreiben. Diese Form der Kommunikation ist langsam. Absender und Adressat haben Zeit für Formulierungen - und zum Nachdenken. Einer, der noch Briefe schreibt, ist der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel. Er schrieb vor einem Jahr an die Bundeskanzlerin. Seine Bitte: die Regierung möge ihre Politik in der Eurokrise besser erklären. Die Antwort der Kanzlerin, so Waigel, diese Informationen stünden doch im Internet.

          Wahrscheinlich ist die hohe Umlaufgeschwindigkeit von Nachrichten und Meinungen in den Medien der Grund, warum wir die tektonischen Verschiebungen in unserer Gesellschaft nicht mehr wahrnehmen. Gestern konnte man sie nämlich bei Beckmann besichtigen. An dem Titel der Sendung „Europa vor dem Abgrund – wie sicher ist unser Geld?“ hat es nicht gelegen. Wir stehen schon so lange vor dem Abgrund, dass der Blick nach unten keinen Schrecken mehr verbreiten kann. Der Titel der Sendung hätte besser „Wie sicher sind wir uns noch über die Fundamente unserer Gesellschaft?“ lauten sollen. Wir sehen keineswegs in den Abgrund, sondern stehen auf einem sich verflüssigenden Boden.

          Fragmente, in ganzen Sätzen gesprochen

          So wurde gestern der Reputationsverlust unseres aktiven politischen Personals auf dramatische Weise dokumentiert. Nach dem Ende der Sendung fragte man sich: Wozu brauchen wir eigentlich noch einen Bundeswirtschaftsminister? Philip Rösler formulierte mit den Fragmenten aus seinen Textbausteinen ganze Sätze. „Schuldenbremse“, „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Wirtschaftswachstum“ lauteten die Stichworte. So konnte daher Theo Waigel schon zu Beginn der Sendung deutlich machen, wer der bessere Minister gewesen ist. Er referierte die Brüsseler Beschlüsse von gestern morgen, stellte sie in den historischen Kontext seit den 50er Jahren und lobte die Opposition für ihr staatspolitisch verantwortungsvolles Handeln.

          Rösler dagegen wies auf die schwierige soziale Lage vieler Griechen hin. Sie wüssten kaum wie sie nach drastischen Einkommenseinbußen ihre Familien durchbringen sollten. Das wäre aber nicht zu ändern. Tatsächlich? Der ehemalige Bundesfinanzminister bemerkte den politischen Sprengstoff, mit dem Rösler hantierte, und erklärte apodiktisch, dass sich die Griechen ganz sicher nicht über mangelnde europäische Solidarität beklagen könnten. Ende der Debatte. „Gibt es Tage, an denen Sie sich überfordert fühlen?“, fragte Reinhold Beckmann den Bundeswirtschaftsminister. Überforderung ist ein gutes Stichwort. Denn ein Bundeswirtschaftsminister kann zwar die soziale Lage vieler Griechen thematisieren, aber er müsste dann auch eine entsprechende politische Antwort formulieren. Ansonsten entzieht er seiner Politik jegliche Legitimation.

          Wer weiß schon wie ein Fernseher funktioniert?

          Die ist tatsächlich fraglich geworden. Aber Rösler ist lediglich das Symptom einer Krise, die schon längst die Grundfesten unserer Wirtschaftsordnung erschüttert hat. Seine Sprachlosigkeit hat damit zu tun, dass es eben nicht mehr reicht, einfach nur an einigen Stellschrauben einer ansonsten weitgehend selbst laufenden Maschine namens Volkswirtschaft zu drehen. Wer weiß schon wie ein Fernseher funktioniert? Es reicht, ihn bedienen zu können. So ähnlich musste man sich bisher auch die Tätigkeit eines Wirtschaftsministers vorstellen. Er musste halt die richtigen Knöpfe zu drücken wissen.

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