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Ex-KGB-Agent will „Evening Standard“ kaufen : Der Spion, der wegen des Goldes kam

  • -Aktualisiert am

Ex-KGB-Agent, aber heute Kreml-Kritiker: Der Russe Alexander Lebedew Bild: dpa

Er las ihn schon, als er noch für den KGB arbeitete: Der russische Unternehmer Lebedew will den „Evening Standard“ kaufen. Doch der Kreml-Kritiker verspricht sich von der Übernahme des Blattes, das tief in den roten Zahlen steckt, wohl eher Einfluss als Geld.

          Bis 1992 suchte Alexander Lebedew jeden Tag die britische Presse nach Neuigkeiten ab, die für Moskau von Interesse sein könnten. In der sowjetischen Botschaft in London war er für den Auslandsnachrichtendienst tätig, der nicht zu verwechseln sei mit dem für die GULags zuständigen KGB, wie Lebedew heute hervorhebt; inzwischen ist er in den Rang der megareichen Russen aufgestiegen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Als Agent war der studierte Wirtschaftler damals insbesondere mit der Kapitalflucht befasst. Nun steht der ehemalige Oberstleutnant des Geheimdienstes anscheinend kurz vor dem Erwerb einer der Zeitungen, die er einst so aufmerksam studierte: Verhandlungen über eine Mehrheitsbeteiligung beim „Evening Standard“, dem traditionsreichen Londoner Abendblatt, sollen weit gediehen sein.

          Ein Auffangbecken im Westen

          Der 49 Jahre alte Lebedew, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Unternehmen gründete, das die Moskauer Nationalny Reservny Bank erwarb, hat in Anspielung an den berühmten Spionagethriller von John Le Carré den Beinamen „The Spy Who Came In For The Gold“ bekommen - der Spion, der wegen des Goldes kam. Ihm gehören einunddreißig Prozent der staatlich kontrollierten Fluggesellschaft Aeroflot, er ist bei Gasprom beteiligt und besitzt mit Michail Gorbatschow neunundvierzig Prozent der regimekritischen Zeitung „Nowaja Gaseta“, deren Sonderkorrespondentin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 erschossen wurde. Lebedew hat eine Belohnung von einer Million Dollar ausgeschrieben für die Auflösung des Mordes.

          Dem Unternehmer gehörte auch die Boulevardzeitung „Moskowski Korrespondent“, die im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen geriet, weil sie behauptete, Wladimir Putin habe sich heimlich scheiden lassen, um eine olympische Turnerin zu heiraten. Lebedew stellte das Blatt daraufhin ein.

          Manche vermuten, mit dem „Evening Standard“ wolle er sich ein Auffangbecken im Westen verschaffen, falls der Kreml Maßregeln gegen ihn ergreift. Im britischen Rundfunk stellte er klar, dass er die Regierung zwar „ab und zu“ kritisiere, sich aber um Objektivität bemühe. Was die Verhandlungen über den „Evening Standard“ betreffe, gelang es ihm unterzubringen, dass er sich nicht in redaktionelle Angelegenheiten einmische.

          Für den „Standard“ bezahlt er nur ein Pfund

          Zunächst hieß es, Lebedew habe sich wegen des „Evening Standard“ bei Lord Rothermere, Vorsitzender des Daily Mail and General Trust, einen Korb geholt. Jetzt scheinen nur noch vertragliche Details dem Geschäft im Wege zu stehen. Wie tief der 1827 gegründete „Evening Standard“ in den roten Zahlen steckt, verrät die Meldung, dass Lebedew bloß ein nominelles Pfund, gerade mal so viel wie für zwei Ausgaben des Blattes, für einen Anteil von fünfundsiebzig Prozent hinblättern werde. Der Jahresverlust wird zwischen zehn Millionen und fünfundzwanzig Millionen Pfund vermutet. Sicher ist, dass die Auflage des „Evening Standard“, ein Zwitter aus gehobenem Boulevard- und Qualitätsblatt, zusehends schrumpft, nicht zuletzt, weil er sich selbst Konkurrenz macht mit dem Gratisblatt „London Lite“.

          Seit zweieinhalb Jahren versucht sich „Associated Newspapers“, das Tochterunternehmen des Daily Mail and General Trust, gegen Rupert Murdochs Gratiszeitung „thelondonpaper“ zu behaupten. Nur um den Gegner in Schach zu halten, sieht sich „Associated Newspapers“ gezwungen, in ein Verlustunternehmen zu investieren. Dass Murdochs „News International“ eine kostenpflichtige Abendzeitung lanciert, erscheint angesichts der gesunkenen Auflage des „Evening Standard“ unwahrscheinlich. Früher konkurrierten vierzehn Londoner Titel um die Pendler im Großlondoner Raum. Sie haben fusioniert oder sind eingegangen, bis nur noch der „Evening Standard“ blieb. Obwohl sich das Blatt zu Recht rühmt, von jedem gelesen zu werden, der in London etwas darstellt, ist die Auflage seit der Übernahme durch Rothermeres Vater vor knapp dreißig Jahren von 624.000 auf rund 160.000 gesunken.

          Es geht um Einfluss, nicht um Geld

          Lebedew macht sich keine Illusionen, Geld mit dem „Evening Standard“ zu verdienen. Ihm scheint es eher um Einfluss zu gehen und möglicherweise um ein Sprungbrett für weitere Akquisitionen. Lebedew bekennt, auch Gespräche über die Übernahme des „Independent“ geführt zu haben. Beim „Evening Standard“ will er ein Beratergremium bestellen und wünscht sich neben Gorbatschow auch Tony Blair als Mitglied. Als Chefredakteur ist Geordie Greig im Gespräch, bestens vernetzter Herausgeber des Society-Magazins „Tatler“. In dieser Gesellschaft verkehrt auch Lebedews achtundzwanzig Jahre alter Sohn Ewgeni, von dem es heißt, er werde mit dem Vorsitz des „Evening Standard“ betraut.

          Bei seinen Voraussagen für das Jahr 2009 hat Alexander Lebedew in seinem Blog Ende Dezember behauptet: „Eine der ältesten und berühmtesten Zeitungen Europas wird an einen Russen verkauft.“ Es sei ein Schritt zur Schaffung „eines internationalen Medienmittels, das den antiliberalen Tendenzen eines verstärkten Autoritarismus entgegentreten wird“. Eine ähnlich ehrgeizige Agenda hatte der „Evening Standard“ zuletzt unter seinem Gründer Charles Baldwin, der seine Zeitung als Mittel zu einem Zweck sah: dem Tory-Premierminister George Canning eine blutige Nase zu hauen.

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