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Kommentar zu Megyn Kelly : Geschwärzt

Kann bei vielem die Aufregung nicht verstehen: die Moderatorin Megyn Kelly Bild: Bloomberg

Die Starjournalistin Megyn Kelly wundert sich, warum sich eine hellhäutige Frau nicht als Diana Ross verkleiden darf und verliert daraufhin ihren Job. Was hat es mit Amerikas Schwarz-Weiß-Denken auf sich?

          Ein Blick auf Megyn Kelly genügt, schon gewinnt man einen Eindruck davon, wie vergiftet die amerikanische Medienlandschaft ist und wie überreizt das ganze Land. Vordergründig geht es nur um Halloween-Kostüme, tatsächlich aber um eine zerrissene Nation, die sich in symbolischen Stellvertreterkriegen ergeht. Doch der Reihe nach: Vor nicht allzu langer Zeit war die Fernsehmoderatorin Megyn Kelly einer der größten Stars des Trump-Fan-Senders Fox News, präsentierte sich selbst jedoch als Trump-Kritikerin und brachte den früheren, inzwischen verstorbenen Fox-Chef Roger Ailes mit zu Fall, als sie ihm (wie andere Frauen auch) sexuelle Belästigung vorwarf. Es folgte der Wechsel der kühlen Blonden aus dem rechtskonservativen ins linksliberale Medienlager: Megyn Kelly bekam eine eigene Show bei NBC News und wollte fortan mehr unterhalten als politisieren.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Einschaltquoten gestalteten sich weniger unterhaltsam, doch das hätte sie wohl so leicht nicht zu Fall gebracht wie die Äußerung, mit der sie einen amerikanischen Triggerpunkt berührte. In ihrer Sendung wunderte Megyn Kelly sich darüber, weshalb man es für rassistisch halten könne, dass sich die (hellhäutige) Schauspielerin Luann de Lesseps zu Halloween als (dunkelhäutige) Diana Ross verkleidet hat. „Als ich klein war, war das okay, solange man eine bestimmte Person darstellte“, sagte Megyn Kelly – und befand sich mitten in einem Shitstorm. Als weiße Moderatorin verteidige sie „Blackfacing“, hieß es, jene geächtete Theatertradition, nach der sich Weiße das Gesicht anmalten, um Schwarze – oft als Witzfiguren – darzustellen.

          Längst hat sich die Diskussion in Amerika (und nicht nur dort) weiterbewegt auf das weite Feld der Identitätspolitik, wenn etwa darüber debattiert wird, ob die (heterosexuelle) Schauspielerin Scarlett Johansson einen Transgender-Charakter verkörpern dürfe (sie sah von dem Vorhaben lieber ab). Cate Blanchett hat zuletzt wieder heterosexuelle Schauspieler verteidigt, die Schwule spielen. So geht es hin und her. Ausläufer der Blackfacing-Debatte beschäftigen inzwischen zwar auch deutsche Sternsinger und Karnevalisten, doch rühren sie hierzulande nicht an eine offene Wunde wie in Amerika, wo Menschen im staatlichen Zensus immer noch nach Rassen unterteilt werden, wo die Benachteiligung von Afroamerikanern und Latinos nach wie vor bittere Realität ist und das Schwarz-Weiß-Denken nicht enden will.

          Man dürfte meinen, dass an Politiker und Journalisten adressierte Briefbomben gerade alle Aufmerksamkeit im Medienzirkus auf sich ziehen müssten. Aber Megyn Kelly erregte umso leichter die Gemüter, weil sie vor einiger Zeit schon mit der Bemerkung aufgefallen war, dass Jesus und der heilige Nikolaus doch wohl weiß gewesen seien. Mag sein, könnte man einwenden, aber was heißt schon „weiß“? Und was spielt das überhaupt für eine Rolle? Die Rolle von Megyn Kelly dürfte sich allerdings bald ändern. Ihre öffentliche Entschuldigung für die Blackfacing-Wortmeldung, die sie als gedankenlos und falsch zurückzog, scheint sie nicht mehr zu retten. Der Sender NBC teilte in der Nacht zum Samstag mit, die Show werde abgesetzt. Was in der grellsten Halloween-Manier vorführt: Die Diskussionskultur in den amerikanischen Medien gleicht einer Geisterbahnfahrt.

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