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„Everything Sucks“ bei Netflix : Die Pubertät als verdammt hartes Wochenende

  • -Aktualisiert am

Spielen die etwa Luftgitarre? Die Nachwuchscombo von „Everything Sucks“ hebt ab. Bild: Scott Patrick Green/Netflix

Teenager zwischen Wundertrollen und „Wonderwall“: Die Serie „Everything Sucks“ führt zurück in die angeblich so schlimmen Neunziger.

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          Die Handlung von Jugendserien in die Vergangenheit zu legen hat zwei Vorzüge: Sie können von Filmemachern produziert werden, die aus eigener Erfahrung schöpfen und wissen, wovon sie erzählen. So werden die Serien auch für genau die Zielgruppe interessant, die angesichts des aus der eigenen Jugend bekannten Settings in melancholisches Verzücken gerät und sich plötzlich wieder in das Chaos der Pubertät hineinzufühlen vermag. Erfolgreiche Beispiele sind „Die wilden Siebziger“ (1998 bis 2006), „Wunderbare Jahre“ (1988 bis 1993) und „Happy Days“ (1974 bis 1984). Auch Netflix hat das Rezept für sich entdeckt. „Stranger Things“ lockte mit dem Besten der Achtziger, die gesamte Werbekampagne war darauf ausgelegt, Fans von Klassikern wie „Stand by Me“, „Die Goonies“ oder „E.T“ anzusprechen. Mit „Everything Sucks!“ versucht der Streaming-Anbieter es jetzt mit den Neunzigern und ruft die Aufregung über neue Star-Wars-Filme, Troll-Figuren mit bunten Haaren und „Wonderwall“ von Oasis in Erinnerung.

          Wie die jungen Helden in „Stranger Things“ gehören auch die Protagonisten von „Everything Sucks!“ zum „A/V-Club“. „A/V“ steht für „Audiovisuell“ – hier werden Radio- und Fernsehbeiträge für die Highschool produziert. In Amerika gilt diese AG gleich nach der Schulband als die Veranstaltung, bei der sich die Außenseiter zusammenfinden. In diesem Fall sind das Luke (Jahi Winston), der mit seinen Freunden Tyler (Quinn Liebling) und McQuaid (Rio Mangini) ins erste Jahr auf der Highschool startet.

          Hinter jeder Ecke das große Abenteuer

          Im A/V-Club treffen sie auf Kate Messner (Peyton Kennedy) und Luke ist sofort fasziniert. Nach einer schüchternen Begrüßung und Kates Vortrag über ihre Liebe zu Tori Amos ist er entschlossen: Kate ist das coolste Mädchen, das er je kennengelernt hat, sie muss seine Freundin werden. Kate hat allerdings etwas ganz anderes im Sinn. Sie will nicht nur Luke nicht als Freund, sondern überhaupt keinen Jungen.

          Damit rauszurücken erscheint Kate unmöglich. Ein einziger zu langer Blick auf ihre Mitschülerin in der Mädchenumkleide, und sie wird beschimpft, ihr Spind verunstaltet, und ehemalige Freundinnen schauen sie plötzlich komisch an. Die Rettung scheint nahe, als Luke ihr vor der ganzen Schule seine Zuneigung gesteht und sie bittet, seine Freundin zu werden. Kate muss nur noch ja sagen.

          Um das zentrale Paar scharen sich allerlei interessante Nebenfiguren. Kates unerschütterlich gutmütiger Vater zum Beispiel, Schuldirektor und alleinerziehend, der zehn Jahre nach dem Tod seiner Frau noch seinen Ehering trägt. Oder Emaline (Sydney Sweeney) und Oliver (Elijah Stevenson), die als glamouröses Paar aus der Schauspiel-AG ihre Konflikte lautstark auf den Schulfluren austragen, nur um sich kurz darauf leidenschaftlich zu vertragen, bis ein Lehrer sie verscheucht. Manches ist überspitzt bei „Everything Sucks!“, aber nie so sehr, dass ein junger Mensch es nicht genau so wahrnehmen könnte. Die jungen Darsteller vermitteln das gekonnt. Jahi Winston sagt seine, für einen Vierzehnjährigen viel zu weisen Sätze, so überzeugend, dass man ihm die Rolle des souveränen Filmregisseurs, der Luke mal werden will, fast abnimmt. Und Peyton Kennedy spielt Kate mit einem solchen Mut zur Verletzbarkeit, wie man es seit Julia Stiles kaum zu sehen bekommen hat.

          Eine Kleinstadtjugend in den Neunzigern: Hinter jeder Ecke könnte ein Abenteuer warten.

          Der Retro-Reiz der Serie ist nicht ohne, dranzubleiben lohnt sich aber vor allem, weil sie aus der die Perspektive der Teenager heraus den Eindruck vermittelt, man könne in einer langweiligen Kleinstadt (hier heißt sie auch so: „Boring“) hinter jeder Ecke plötzlich das große Abenteuer entdecken. Oder wegen der Erzählung der romantischen Liebe, die nie mehr so überwältigt, wie in dieser Zeit, in der man nicht weiß, womit man es da eigentlich zu tun hat. Und ohne die, kennt man sie erst einmal, „everything sucks“ – einfach alles Mist ist. In ihren besten Momenten schaffen die Serienschöpfer Michael Mohan und Ben York Jones das sogar ohne Ironie, dem liebsten Alltagsaccessoire von Kindern der Neunziger.

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