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Eurovision Song Contest : „Highway to Helsinki“

Sieger in Hamburg: Roger Cicero Bild: dpa

Es war unterhaltsam, es war kurzweilig, es war professionell. Doch dem Grand-Prix-Vorentscheid fehlte auch einiges. Die Sendung hatte kaum echte emotionale Momente, wenige Überraschungen und nicht die Atmosphäre eines Wettbewerbs.

          3 Min.

          Die ARD hatte die Voraussetzungen für eine kurzweilige Show schon vor der Sendung geschaffen: Neunzig Minuten Sendezeit, drei Kandidaten mit jeweils zwei Liedern, ein dreißigköpfiges Orchester für Live-Auftritte und 800 Zuschauer im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Das Konzept sollte aufgehen. Der Grand-Prix-Vorentscheid für den Eurovision Song Contest, wie das publikumsträchtigste Musikfest der Welt seit einigen Jahren genannt wird, war eine unterhaltsame Sendung: ohne Längen und ohne Hektik. Der Rhythmus war angenehm und die Setdesigner durften sich ebenso kreativ engagieren wie die Regie. Mehr wollte das Erste nicht - für eine große Show ist das dann doch zu wenig.

          Wer als Sender den Grand-Prix-Vorentscheid derart gestaltet, lässt keinen Platz für Überraschungen und nachhaltige Momente. Und so saß der Zuschauer zufrieden vorm Fernseher, als verfolge er gerade eine der klassischen Samstagabend-Shows der Öffentlich-Rechtlichen. Nur leider war es Donnerstagabend. Zuschauer mit etwas Verspätung, die erst während der gemütlichen Sofarunde eingeschaltet hatten, konnten glauben, sie wären bei „Kerner“ oder „Genial daneben“ gelandet. Die üblichen Verdächtigen machten selbstverliebt ihre bekannten Scherze: Moderator Thomas Herrmanns zusammen mit seinen Gästen Georg Uecker, Andrea Kiewel, Susanne Fröhlich und Paola, die das Ereignis etwas zu ernst nahm.

          Kunze auf der Straße der Verlierer

          Den tragischen Höhepunkt der Sendung lieferte Heinz Rudolf Kunze. Er wollte als Gewinner auf den „Highway to Helsinki“. Doch er zog auf der Straße der Verlierer eine gewaltige Bremsspur, weil er schon beim ersten Song vergessen hatte, die Handbremse zu lösen. Dabei hätte ein Profi wie er das allzu kalkulierte Konzept der ARD auflockern können. Wenig professionell klammerte sich der ehemalige Germanistikstudent an den Mikrofonständer, bemühte sich bei seiner Interpretation von Udo Jürgens' „Merci Chérie“ um Ausdruck und Gefühl, drückte dies aber lediglich durch unbeholfene Blicke auf den Boden aus. Bei der Präsentation seines Wettbewerbsongs „Die Welt ist Pop“ wusste er nicht, wohin mit seinen Händen. Er versuchte es mit unmotivierten Gesten, aber am besten hätte er die Hände in seinen Anzugshosen gelassen.

          Sieger in Hamburg: Roger Cicero Bilderstrecke

          Kunzes Konkurrenten fügten sich dagegen perfekt in die Show: Professionell, kreativ und zielsicher wussten Roger Cicero und die Monrose, was sie wollten: gewinnen! Sie kannten ihre Stärken, ihr Konzept war auf den Punkt ausgearbeitet. Es dürfte exakt geplant gewesen sein, dass Cicero ausgerechnet am Weltfrauentag „Frauen regier'n die Welt“ sang. Der swingende Sänger hatte nichts dem Zufall überlassen, das Ticket nach Helsinki ist zu wichtig für seine Karriere. Und er hat alles richtig gemacht. Er hat die Vorausscheidung gewonnen, er swingt für Deutschland beim Eurovision Song Contest.

          Schicke Show ohne Emotion

          Auch die ARD hat gewonnen. Sie hat abermals gezeigt, dass die Entscheidung, die Kandidatenliste auf drei Bewerber zu beschränken, die richtige ist. Ihre Sendung war perfekt komponiert. Schnitttempo, Kameraführung, Gestaltung grafischer Elemente waren gelungen, selbst die farbige Beleuchtung der Bühne passte sich den Kleidern der Künstler an. Bei den Einspielfilmen zur Vorstellung der Kandidaten wurde den Machern von „Deutschland sucht den Superstar“, „Germany's Next Topmodel“ und „Starsearch“ gezeigt, welche Möglichkeiten es gibt.

          Doch der gestalterische Erfolg ist ein Sieg der Vernunft. Die Sendung hat sich jeder Anteilnahme durch den Zuschauer verweigert, sie ließ kaum Emotionen zu. Der harmonische Ablauf lullte den Zuschauer kontinuierlich ein. Die neunzig Minuten schmeckten wie ein gut gekühlter, trockener Prosecco, der auf hippen Partys gereicht wird. Keiner der Zuschauer kann sich eigentlich beschweren, denn das Ganze war lecker gemacht. Das Erste als Gastgeber hat sich um das Wohl seiner Gäste gesorgt und sicherlich bei den Kosten nicht gespart. Vor lauter Vorsicht und Vernunft hatte man sich dann doch beim letzten Akt vertan.

          Keine Tränen zu sehen

          Beim Showdown konnte man die Vermutung haben, die Regie habe sogar verboten, emotionale Ausbrüche zu zeigen. Als die Kessler-Zwillinge den Gewinner Roger Cicero bekannt gaben, sahen die Zuschauer verständlicherweise zunächst den Sieger. Der war nicht unbedingt überrascht, aber dennoch erleichtert. Schließlich waren Monrose eine harte Konkurrenz. Die drei Casting-Mädels waren ebenso gut vorbereitet und gingen mit der gleichen Ernsthaftigkeit an die große Herausforderung heran. Doch man sah nur noch den im Rampenlicht. Wie die Verlierer das Ergebnis aufnahmen, blieb dem Zuschauer verborgen: Haben Monrose geheult? War Kunze sehr enttäuscht, nahm er es sportlich? Wir wissen es nicht.

          Die Gefühlsduselei der Privatsender mag mittlerweile nerven. Aber, liebe ARD, ein paar Tränen hätten uns gefreut, egal ob der Freude oder Trauer. Monrose wissen, wie das gemacht wird. Roger Cicero muss es noch lernen. Spätestens in Helsinki, wenn ganz Europa zuschaut und Deutschland ihm die Daumen drückt, wollen wir ihn heulen sehen: Am liebsten mit Freudentränen.

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