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Europas Fußball-Kommentatoren : Das Reden der anderen

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Lasse Granqvist

Julio „Maldini“ Maldonado, Spanien

Es ist erhellend, mal mit den Dokumentaristen zu sprechen. Das sind die Arbeitsbienen, die für den Fernsehmoderator vor der Live-Übertragung Spielerdaten, Lebensläufe und Torstatistiken zusammenstellen, ein hübscher Stapel Papier. Wenn die slowakische Nummer 17 etwa eine gute Szene hatte und dem Moderator nichts weiter einfällt, betet er einfach die Stoffsammlung der Arbeitsbiene herunter, zum Beispiel, was dieser Marek Hamšík schon alles gewonnen hat (fünfmal slowakischer Fußballer des Jahres!) und dass er schon seit neun Jahren beim SSC Neapel spielt.

In Spanien gibt es einen Mann, der sich dieses Wissen nicht füttern lässt, sondern selbst erworben hat: Julio Maldonado, genannt Maldini, 49 Jahre alt, langjähriger Ko-Kommentator im spanischen Kabelfernsehen und bei großen Radiosendern. Wenn Maldini über seine Jugend spricht, dann nur über die Sucht, Fußballspiele zu gucken. Er entwickelte seine eigene Tauschbörse, um sich VHS-Kassetten mit Fußballübertragungen aus Uruguay, Paraguay oder Kolumbien kommen zu lassen; schaffte sich einen dritten, vierten und fünften Videorekorder an; beschwatzte seine Eltern, ihm die nötigen Antennen aufs Dach zu bauen; und gab vor zehn Jahren zu Protokoll, er nehme neunzig Partien pro Woche auf, darunter fünf aus der russischen Liga. Sein enormes Fußballwissen, besonders von internationalen Nachwuchstalenten, macht ihn für spanische Fußballfans zu einem Unikum. Maldini braucht weder Ironie noch Flapsigkeit, um zu punkten, sondern greift einfach nur in die große Kiste. Das ist Fußball: schlicht, klar, unendlich.

Paul Ingendaay

Rodrigo Beenkens

Lasse Granqvist, Schweden

Die Schweden halten wir für zurückhaltende Naturen, leicht unterkühlt und tendenziell mundfaul, im Zweifel mit einer Neigung zur Düsternis (Schweden-Krimis!). Wer jemals im Radio oder vor dem Fernsehgerät gehört hat, wie Lasse Granqvist ein Fußballspiel kommentiert, muss sich von diesem Vorurteil verabschieden. Der Mann hat vor dem Mikrofon so viel Temperament, als sei ihm Sizilien näher als Småland. Witzig ist er außerdem. Und er spricht so schnell, dass man mit dem Zuhören kaum hinterherkommt: 118 Wörter in 23 Sekunden sind seine persönliche Bestmarke, die er allerdings nicht bei einem Fußballspiel, sondern während einer Eishockeymeisterschaft gesetzt hat. Auch Hallenhockey und Trabrennen gehören zu Granqvists Paradedisziplinen.

Dass er mit 48 Jahren schon zum Inventar der Populärkultur gehört, liegt nicht nur an Silbenfrequenz und Gefühlsausbrüchen, sondern auch an der Gewöhnung. Viele Schweden sind mit seiner in den entscheidenden Momenten stets wunderbar heiseren, sich überschlagenden Stimme aufgewachsen. Die Europameisterschaft in Frankreich, für die sich die schwedische Mannschaft denkbar knapp erst in zwei Play-Off-Spielen gegen die dänischen Nachbarn qualifiziert hat, wird Granqvists siebte auf dem Kommentatorenplatz sein.

Sebastian Balzter

Oliver Polzer

Rodrigo Beenkens, Belgien

Rodrigo Beenkens oder Frank Raes? So könnte die Frage nach dem Lieblingsreporter bei Spielen der belgischen Nationalmannschaft lauten. Allerdings ist im Land der Flamen und Wallonen auch vor dem Fernseher fast alles eine Sprachenfrage. Ein Flame entscheidet sich natürlich für Frank Raes, den 62 Jahre alten Senior der Reporterriege. Und französischsprachige Zuschauer schwören meist auf den zehn Jahre jüngeren Rodrigo Beenkens. Beide arbeiten für öffentlich-rechtliche Sender. Pech für Raes ist, dass sich die private Konkurrenz reichlich Übertragungsrechte gesichert hat. Anders als Beenkens blieb es Raes immerhin jetzt erspart, den Grottenkick beim 1:1 der „Roten Teufel“ gegen den Fußballzwerg Finnland zu kommentieren.

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