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Europas Fußball-Kommentatoren : Das Reden der anderen

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Ercan Taner

Wiśniowski hat etwas Einzigartiges erreicht. Die Spieler fassten Vertrauen zu ihm. Zuvor war die Nationalmannschaft für den durchschnittlichen Fan weit entfernt und ihr Image nicht sehr positiv. Die neue Verbandsleitung beschloss, sich den Fans stärker zu öffnen. Wiśniowski und sein Team haben die Wahrnehmung der Nationalmannschaft in Polen völlig verändert. Er begleitete die Nationalmannschaft während der gesamten EM-Qualifikation und machte daraus einen Dokumentarfilm. Jetzt steht er vor der nächsten großen Herausforderung - er soll einen Film über die polnische Nationalmannschaft während der EM drehen. Ob es ein Hit wird, hängt nicht nur vom schauspielerischen Talent seiner Hauptdarsteller Krychowiak, Lewandowski oder Szczęsny ab, sondern vor allem von deren Abschneiden auf dem Rasen.

Przemyslaw Rudzki

Julio „Maldini“ Maldonado

Ercan Taner, Türkei

Früher kommentierte ich Fußballübertragungen im Fernsehen selbst. Mit dem Einlauf der Mannschaften stellte ich den Fernseher auf stumm und legte los. Irgendwann in den neunziger Jahren, in einem Hinterhofmännercafé im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo ich nicht die Herrschaft über die Fernbedienung hatte, hörte ich erstmals Ercan Taner als Kommentator. Ich wusste von diesem Augenblick an, dass es mit dem Vor-sich-hin-Kommentieren für immer vorbei war. Taner hatte mich in seinen Bann gezogen. Dieses merkwürdige Timbre in seiner Stimme, seine bedingungslose, ja manchmal Angst einflößende Leidenschaft ist eine Liga für sich. Taner ist nicht am Mikro, er steht auf dem Platz. Wenn ein Club aus der Türkei gegen einen Verein aus Europa spielt, ist Taner ihr zwölfter Mann. Eine „nationale Angelegenheit“, wie es in der Türkei heißt, die journalistische Distanz und Neutralität nicht kennt, vor allem dann nicht, wenn die türkische Nationalmannschaft auf dem Platz steht. Fußball ist ein nationales Aufbäumen gegen ausländische Mächte, ein machistischer Rave. Wer nicht mitfeiert, gehört nicht dazu. Taner und seine Kollegen nehmen Stimmungen nicht nur auf, sie sind ihr Verstärker.

Der 52-Jährige hat die Kultur der Fußballübertragung in der Türkei verändert. War es zuvor üblich, dass Fußballreporter im Präsens kommentierten (Tugay schießt, und der Ball ist im Netz), ging Taner dazu über, sich der Vergangenheitsform zu bedienen (Tugay schoss). Der bekennende FC-Bayern-Fan hat längst Schule gemacht. Viele Kollegen orientieren sich an seinem Stil, andere versuchen ihn zu kopieren. Bei Taner ist jedes Tor Anlass zur Explosion. „Mein Allah, Goooooooooooool. Die Türkei erhebt sich. Die Arena erhebt sich. Istanbul erhebt sich. Sneijder ... Sneeeeeeijder ... Sneeeeeijder ... Sneeeeeijder ... Sneijder erzielte das famose Tor.“ Seine Karriere begann er mit gerade mal 18 Jahren. Inzwischen blickt Taner auf mehr als tausend Spiele am Mikrofon zurück. Trotzdem bleiben Träume. So gerne würde er ein Halbfinale oder Finale in der Champions League oder ein Endspiel bei der WM oder EM mit türkischer Beteiligung kommentieren. Daraus wird erst mal nichts. Bei der Europameisterschaft in Frankreich ist Ercan Taner nicht dabei. Ein Jammer.

Imran Ayata

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