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Europas Fußball-Kommentatoren : Das Reden der anderen

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Mit seinen eleganten Spitzen beweist Lineker auf Twitter regelmäßig, dass seine berühmte Fußballweisheit („Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten einem Ball nach und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“) nicht nur ein Glückstreffer war. „The thing about the Germans is that they’re Germans“, twitterte er nach dem Viertelfinale der WM 2014 gegen Frankreich. Ein Tweet hat 140 Zeichen, und am Ende gewinnt immer Gary Lineker.

Harald Staun

Wasily Utkin

Wasily Utkin, Russland

Die Unberechenbarkeit des russischen Fußballs macht es nicht nur unmöglich, eine Prognose zu stellen, welchen Platz die russische Nationalmannschaft belegen wird; russische Fans wissen nicht einmal, ob der beste russische Sportkommentator über die Europameisterschaft berichten wird oder nicht. Wasily Utkin, ein großer, breiter Mann von 44 Jahren, ist der einzige Kommentator, der auch außerhalb von Fußballfan-Kreisen bekannt ist. Das liegt nicht nur an Utkins Drive, Wissen und Redegewandtheit. Er kommentiert nicht nur Fußball. Als Philologe ohne Abschluss kam er mit 20 Jahren zum Fernsehen. Es waren die frühen neunziger Jahre, als die russischen Medien sich veränderten und frei waren, relativ frei. Utkin machte eine steile Karriere, nach zwei Jahren fing er an, Fußball zu kommentieren, nach weiteren zehn Jahren hatte er zwei Mal hintereinander den wichtigsten Fernsehpreis bekommen. Utkin hält sich nie zurück. Er versteckt weder Sympathien noch Antipathien, streitet und versöhnt sich mit Trainern, Spielern, Managern und Fernsehchefs. Auch hat er offen über gekaufte Spiele berichtet. Er beleidigte öffentlich den Koordinator einer Pro-Kreml-Jugendbewegung und geht auf Kundgebungen der Opposition. Er skandalisiert in sozialen Netzwerken und dreht Filme. Utkin kommentiert das Leben in all seinen Erscheinungsformen wie Fußball und Fußball wie das Leben.

In Russland wird die Euro 2016 nur in staatlichen Fernsehsendern gezeigt. Mit einigen dieser Sender hat sich Utkin zerstritten. Seinen letzten Job bei dem Sender „Match TV“ hat er verloren, weil er das Champions-League-Spiel zwischen Leverkusen und FC Barcelona angeblich betrunken kommentiert hat. Utkin beteuert, er sei nur müde gewesen. Vor ein paar Wochen kündigte er an, dass er zum ersten Mal in seiner Karriere die Europameisterschaft nicht kommentieren wird, „auf keinem einzigen Sender der Föderation“. Gut möglich, dass Utkin auf irgendeinem anderen Kanal kommentieren wird, vielleicht in der Ukraine, so wie im Jahr 2012.

Michail Kaluschskij

Łukasz Wiśniowski

Łukasz Wiśniowski, Polen

Der beste polnische Fußballreporter ist weder bei einer Zeitung noch beim Fernsehen angestellt. Obwohl er problemlos einen Job bei den Medien finden würde, von denen er kommt, hat er jetzt eine zu schöne Anstellung, um sich davon zu trennen. Er heißt Łukasz Wiśniowski und ist offizieller Reporter des Polnischen Fußballverbandes, bei dessen Internetkanal „Łączy nas piłka“. „Wiśnia“, wie seine Freunde ihn nennen, wird von Zbigniew Boniek, dem Verbandspräsidenten, und auch von den Spielern als vollwertiges Mitglied des Trainerstabes der Nationalmannschaft angesehen. Er wohnt mit dem Team im Hotel und hat Zugang zu allen Orten, von denen Journalisten sonst nur träumen können. Jeder Spieler steht ihm zur Verfügung. Dank dieser Nähe vermag Wiśniowski unglaubliches Material zu drehen, das anschließend auf dem Youtube-Kanal landet. So zum Beispiel die in Polen sehr bekannte kleine Szene mit Robert Lewandowski, als der Bayernstürmer nach einem Match gegen Schottland heftige Schmerzen verspürte, weil einer der gegnerischen Verteidiger ihm schwer zugesetzt hatte. Das ganze Land zitterte um seine Gesundheit. Łukasz Wiśniowski kam mit der Kamera in sein Zimmer und begleitete ihn zum Arzt. Der Film hatte mehr als 1,7 Millionen Klicks.

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