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Nach Milliardenstrafe der EU : Google nimmt sich alles

  • -Aktualisiert am

Nutzt seine Vormachtstellung im Netz: Google gewöhnt sich erst langsam an die Gesetze in der EU. Bild: dpa

Das EU-Urteil gegen Google ist richtig, geht aber nicht weit genug. Google soll 2,4 Milliarden Euro zahlen, weil sein Shopping-Dienst den Wettbewerb verzerrt. Auch mit der normalen Suche verschafft sich der Konzern Vorteile. Ein Gastbeitrag.

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          Das Gericht der EU hat Google zu einer Strafe von 2,4 Milliarden Euro verurteilt. Es geht um die Bevorteilung von Google Shopping bei den Suchergebnissen. Die Strafe dürfte dem Konzern jedoch kaum wehtun – zumal der Missbrauch von Marktdominanz durch die GAFAs (Google, Amazon, Facebook, Apple) nach allen vorliegenden Indizien wohl systematisch betrieben wird, um Wettbewerb auch in angrenzenden Kategorien auszuschalten.

          Dass dieses Urteil nicht allzu viel bewirkt, legen Netzwerkanalysen nahe. Hier prüft man, ob die Plattformen den digitalen Traffic „fair“ verteilen oder ob sie sich selbst übervorteilen. Zu diesem Zweck vergleicht man zwei Größen miteinander: Zunächst einmal misst man den Anteil der einzelnen Plattformen an der gesamten Nutzungsdauer. Dann berechnet man, wohin die User im Netz gehen, nachdem sie auf den großen Plattformen waren.

          Die GAFAs zerstören den Wettbewerb

          Das klingt nach wissenschaftlicher Haarspalterei, enthält aber Sprengstoff. Schauen wir uns das im Detail an: Wenn die GAFAs den Traffic „fair“ weiterleiten würden, dann müssten beide Werte in etwa ähnlich groß sein. Genau das ist jedoch nicht der Fall. Nehmen wir als Beispiel Alphabet: Die großen Angebote (Google Search, Google Maps, YouTube) haben einen Anteil an der gesamten Nutzungsdauer von 19 Prozent. Wenn wir jedoch messen, wie hoch der Anteil der User ist, die nach der Nutzung von Google Search wieder bei Alphabet-Angeboten landen, beträgt der Wert stattliche 35 Prozent.

          Traffic und Macht Grafische Darstellung des Netzverkehrs
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          Man muss sich das in aller Ruhe klarmachen. Denn es ist ja schon unfassbar, dass einem einzigen Konzern knapp 20 Prozent der gesamten digitalen Mediennutzung „gehören“. Aber die Vormachtstellung wird offenbar ausgenutzt, um Konkurrenz auch in den anderen Kategorien „auszutrocknen“: Der Traffic der Suchmaschine wird bevorzugt auf die eigenen Angebote gelenkt. Und es geht hier nicht um eine Abweichung von wenigen Prozent – es handelt sich dabei fast um eine Verdoppelung.

          Facebook ist nicht besser

          Schauen wir uns die Situation im Facebook-Konzern an, ist die Lage nicht viel anders. Der Anteil an der gesamten Online-Nutzung liegt hier bei 16 Prozent (Facebook, Instagram, WhatsApp) – allerdings erreicht der Anteil der Nutzer, die nach der Nutzung von Facebook auf andere Angebote im eigenen Ökosystem weitergeleitet werden, sogar 36 Prozent. Analog bei Amazon: Hier stehen vier Prozent Nutzungsdauer gegen stattliche 13 Prozent Weiterleitung auf eigene Angebote.

          Diese Situation ist aus mehreren Gründen alarmierend. Zunächst einmal ist das Verhalten ökonomisch äußerst schädlich, weil hier ja nicht nur Vormachtstellungen, sondern eben auch Quasimonopole (zum Beispiel Google, WhatsApp) ausgenutzt werden, um Wettbewerb auch in anderen Bereichen auszuschalten und sich selbst uneinholbare Vorteile zu verschaffen. Die Leidtragenden sind wie immer die normalen Anbieter von Content, die bei dieser Dynamik chancenlos sind und über die Jahre systematisch ausgeschaltet werden. Diese Entwicklung ist mehr als offensichtlich für die vielen betroffenen Medienschaffenden, die sich oft wirtschaftlich kaum noch über Wasser halten können. Ohne Traffic sterben sie den qualvollen Erstickungstod, den wir seit vielen Jahren im Markt beobachten können.

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          Wir haben deshalb aktuell eine Situation, bei der die sieben Top-Digitalkonzerne bereits mehr als 50 Prozent der digitalen Mediennutzung auf sich vereinen. Auch der Grad der Monopolbildung für das gesamte Netz lässt sich exakt berechnen. Man kann sich das an einer Skala von 0 bis 100 verdeutlichen – hier markiert 100 den Punkt einer maximalen Konzentrationsbildung, wo also nur noch einem einzigen Giga-Wettbewerber das gesamte Netz „gehören“ würde. Die Konzentration im Netz wurde von uns aus einer repräsentativen Analyse von vielen Hundert Millionen Impressions berechnet. Dieser Monopolbildungsgrad liegt für den gesamten digitalen Traffic in Deutschland bei dem unvorstellbaren Wert von 98,8.

          Dass dieser Wert das Ergebnis absichtsvollen Handelns der GAFAs ist, lässt sich nicht nur an der aktiven Umverteilung des Traffics auf die eigenen Angebote erkennen, sondern etwa auch durch die fragwürdige Praxis der sogenannten „geschlossenen Standards“. Während Nutzer bei offenen Standards zwischen konkurrierenden Anbietern hin- und herwechseln (also etwa eine E-Mail von einem web.de-Account an eine G-Mail-Adresse versenden) können, ist dies bei den geschlossenen Standards der sozialen Netzwerke nicht mehr möglich – die Nutzer müssten aufwendig die Plattform verlassen und die nächste starten, sie werden also quasi „eingemauert“.

          Wo es den GAFAs nicht gelungen ist, solche „Lock-in“-Effekte zu erschaffen, sind sie auch vor riesigen Akquisitionssummen nicht zurückgescheut, um Monopole oder marktbeherrschende Unternehmen entweder zuzukaufen (WhatsApp, YouTube) oder eigene Monopole gegen Wettbewerb zu schützen (Facebook/Instagram) – denn niemand versteht die Ökonomie der absichtsvollen Monopolbildung besser als die GAFAs.

          Bei diesen Vormachtstellungen geht es jedoch nicht um beliebige Produktkategorien wie Joghurt oder Kekse, bei denen Monopole und Konzentrationsbildungen zwar bedauerlich, aber eben doch hinnehmbar wären. Unsere Medien stellen die Grundlage unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung dar, sie bedürfen des intensivsten denkbaren Schutzes vor solchen „feindlichen Übernahmen“. Es ist äußerst fraglich, ob unsere existierenden Gesetze ausreichen, diese gefährlichen Entwicklungen nachhaltig zu stoppen, um fairen Wettbewerb und Chancengleichheit im Mediensystem wiederherzustellen.

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