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Essener Mediengruppe : Das neue WAZ-Modell

Die Essener Mediengruppe WAZ plant deutliche Einsparungen bei ihren vier Ruhrgebietszeitungen Bild: AP

Ein „Newsdesk“ für alle: Vier große Zeitungen erhalten einen gemeinsamen Mantel. Mit dem neuen Konzept will der Chefredakteur der „WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, Ulrich Reitz, das Beste aus der Lage machen.

          Die neue Struktur, welche der WAZ-Konzern seinen vier Zeitungen in Nordrhein-Westfalen geben will, um Kosten in zweistelliger Millionenhöhe zu sparen, kommt schnell. Das dafür benötigte Redaktionssystem soll schon in diesem Jahr erprobt werden, im Frühjahr soll die neue Mantelredaktion, welche vier Zeitungen und das Internet mit Texten bestückt, ihren Dienst antreten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das bisherige sogenannte „WAZ-Modell“, das darauf beruht, dass die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, die „Neue Ruhr/Rhein Zeitung“, die „Westfälische Rundschau“ und die „Westfalenpost“ vollkommen unabhängig voneinander arbeiten, wäre damit Geschichte. An seine Stelle tritt das neue „Mantelkonzept“.

          Dieses sieht vor, dass die Ressorts der einzelnen Zeitungen aufgelöst und durch „Newsdesks“ ersetzt werden. Die wiederum werden von verschiedenen Ressortleitern geführt, die den vier Zeitungen zuliefern. Sie bieten Geschichten zu Innen- und Außenpolitik an, zu Wirtschaft, Sport, Kultur, Vermischtem und Fernsehen. Was jeweils ins Blatt kommt, bestimmen aber nach wie vor die Chefredakteure und die Mitarbeiter der sogenannten „Titelredaktionen“. Sie beauftragen die Kollegen an den Newsdesks, die ihre Geschichten dann mit den Anforderungen der übrigen Blätter abgleichen. So soll sich ein Geben und Nehmen entwickeln zwischen der Newsdesk-Textzentrale, die dem Vernehmen nach am Stammsitz der WAZ in Essen beheimatet sein soll, und den Kopfredaktionen der Blätter.

          Bessere Qualität durch neues Konzept

          Aus dem Viererbund schert die „Westfalenpost“ allerdings insofern aus, als sie sich künftig als moderne „Heimatzeitung“ aufstellen soll. „Die Titelautonomie und mit ihnen die Marken bleiben erhalten, jeder Titel behält seinen eigenständigen Auftritt, über den der Chefredakteur autonom entscheidet“, heißt es in dem Konzept. Durch die Bündelung der Inhalte wolle man zudem „online Marktführer werden“.

          Entwickelt hat das neue Konzept der Chefredakteur der „WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, Ulrich Reitz. Er ist als Spiritus Rector der neuen Struktur in den Geschäftsleitungskreis der WAZ-Gruppe berufen worden. Sein Konzept, sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sei dazu angetan, das Beste aus der Lage zu machen. „Wenn eine Zeitung in Deutschland heute sparen muss, bleibt ihr wenig anderes übrig, als blank zu sparen. Bei der WAZ-Gruppe müssen wir sparen, können das aber gleichzeitig nutzen, um die Qualität zu verbessern.“

          Betriebsräte wohl wenig begeistert

          Würden bislang zum Beispiel vier Reporter von vier WAZ-Zeitungen über ein und dasselbe Ereignis berichten, unternähmen das künftig vielleicht zwei, von denen einer berichte und der andere weitergehend recherchiere. „Wir verbinden mit dem Mantelkonzept einen Qualitätssprung“, sagt Reitz, „und das meinen wir ernst. Dahinter steckt die unternehmensstrategische Aussage, dass wir uns zum Qualitätsjournalismus bekennen.“ An einem inhaltlichen Wettbewerb zwischen den Zeitungstiteln soll es jedenfalls auch weiterhin nicht mangeln, betrieben von den Chefredakteuren und den Titelredaktionen, die aufgerufen seien, ihre Marken trennschärfer als heute herauszustellen, wie es in dem Konzept heißt. „Ich freue mich auf die neue Struktur“, sagt Reitz. Getragen wird sein Konzept auch von seinen Chefredakteurkollegen Kathrin Lenzer (“Westfälische Rundschau“), Rüdiger Oppers (“Neue Ruhr/Rhein Zeitung“) und Bodo Zapp (“Westfalenpost“).

          Die Betriebsräte der WAZ, denen das Konzept Donnerstagnachmittag vorgestellt wurde, dürften allerdings weniger begeistert sein. Denn hinter der neuen Struktur steht das Verdikt des WAZ-Geschäftsführers Bodo Hombach, der kürzlich ankündigte, dass sein Unternehmen Kosten von rund dreißig Millionen Euro pro Jahr einsparen müsse. Dafür wird der Umfang der Zeitungen reduziert, und es ist die Rede davon, dass von insgesamt neunhundert Arbeitsplätzen dreihundert wegfallen könnten. Der Abbau wird auch die Redaktionen treffen. Im Augenblick arbeiten beim größten WAZ-Blatt, der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, rund dreihundert Redakteure, in den vier Mantelredaktionen der WAZ-Zeitungen sind durchgerechnet rund zweihundert Redakteure beschäftigt, Branchenkenner schätzen, dass die neue zentrale Mantelredaktion mit einem Viertel weniger Redakteure auskommen könnte.

          Dem Betriebsrat hat der Geschäftsführer Hombach angeboten, umgehend über Sozialpläne zu verhandeln. Die Gewerkschaften haben die Mitarbeiter der WAZ-Gruppe für den nächsten Dienstag zu einer großen Versammlung nach Essen gerufen.

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