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ESC-Vorentscheid 2016 : Lena goes Manga

Jamie-Lee Kriewitz freut sich über ihren Sieg Bild: dpa

Wieder stiehlt eine junge Sängerin aus Hannover allen anderen Kandidaten beim Vorentscheid die Schau. Jamie-Lee Kriewitz hat gerade erst „The Voice of Germany“ gewonnen, nun will sie Europa als japanische Pop-Prinzessin erobern.

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          War es das? War es endgültig das Ende von Mr. Grand Prix Ralph Siegel? Wie hatte er zuvor doch gesagt: „Dürfte ich noch einmal für Deutschland starten, wäre es dann sicherlich auch mein letztes Mal.“ Hätte er gedurft, wäre es sein 25. Mal gewesen. Seine gerade einmal 19 Jahre alte Laura aber kam nicht einmal ins Finale, obwohl Siegel sie in ein gigantisches weißes Kleid gesteckt hatte, das er mit 50.000 Swarovski-Steinen hatte besetzen lassen. Und Weiß, weiß Siegel, ist beim Grand Prix die Farbe der Gewinner. Die Düsseldorferin Laura Pinski hatte aber am Donnerstagabend in Köln keine Chance mit ihrer Gut-Menschen-Ballade „Under The Sun We Are One“ vom einstmals kongenialen Komponisten- und Autoren-Duo Ralph Siegel und John O’Flynn, alias Bernd Meinunger.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Am Ende des Abends schlug die jüngste nicht nur die zweitjüngste, sondern auch alle älteren und etablierteren Künstler und Bands mit ihren Millionen verkauften Tonträgern und Dutzenden Welttourneen. Jamie-Lee Kriewitz wirkte nicht einmal sonderlich überrascht von ihrem Sieg, sie freute sich einfach und strahlte glücklich in die Kameras, als Barbara Schöneberger sie in die Arme nahm. Die Siebzehnjährige, die vor gerade einmal zwei Monaten zur „Voice of Germany“ gekürt worden ist, hat eine gewaltige Stimme, die zu dem kleinen Mädchen nicht recht passt.

          Sängerin Laura Pinski hatte das Nachsehen.

          Sie spielt gerne das kleine Mädchen, denn sie liebt den lolitahaften Stil, wie er gezeichnet in japanischen Comics und modisch auf Tokios Straßen zu finden ist. Das in Kombination mit ihrer melancholischen Pop-Ballade „Ghost“ reichte am Ende für einen klaren Sieg – fast 45 Prozent der Zuschauer stimmten für sie. Ausgerechnet, denn die Startnummer neun hatte sich zu ihrem Manga-Kostüm einen Geisterwald mit Laserbäumen basteln lassen. Kein anderer Kandidat stand in einer ähnlich aufwendigen Dekoration, und da Jamie-Lee Kriewitz nicht nur ins Finale kam, sondern auch zum Schluss noch einmal singen durfte, musste die Bühne drei Mal eigens für sie wieder hergerichtet werden. 

          Ihr Siegertitel „Ghost“ war schon vor dem ESC-Vorentscheid ein großer Erfolg. Bereits im Dezember erreichte das von Thomas Burchia (alias DJ Thomilla), Anna Leyne und Conrad Hensel geschriebene Lied Platz eins der iTunes-Downloadcharts und Platz elf der Deutschen Musikcharts. Mit dem Song und ihrer Bühnenperformance dürfte Jamie-Lee Kriewitz, die nun endgültig kein normales Leben als Schülerin mehr führen kann und darum ihr Abitur um ein Jahr verschieben will, in Europa eher punkten können als der Zweitplazierte Alex Diehl. Der Singer-Songwriter aus dem bayerischen Traunstein, ein Mann wie ein Baum, wie Barbara Schöneberger ihn vorstellte, galt vielen zuvor als Geheimfavorit.

          Jamie-Lee Kriewitz beeindruckt mit ihrer kräftigen Stimme

          Wie John Lennon

          Und der Mann mit der Gitarre meinte es ja auch wirklich gut mit seinem selbst geschriebenen „Nur ein Lied“. Spontan hatte er nach den Terrorattacken im November in Paris mit 130 Toten und vielen Verletzten Zeilen aufgeschrieben wie „Ihr könnt Hass verbreiten, Ängste schüren / Doch ihr werdet diesen Kampf verlieren / Denn wie John Lennon glauben wir daran / Dass die Welt eins werden kann“. Damit wurde er bei Youtube zum Star. Den Text gab es am Donnerstagabend gleich in drei Sprachen hinter ihm auf der Bühne zum Mitlesen und -singen, zudem hatte er zuvor schon angekündigt, alle Einnahmen aus dem Song der Hilfsorganisation Save the Children zu spenden. Das ist aller Ehren wert und dürfte ihm zusätzliche Stimmen eingebracht haben. Immerhin ein Drittel aller Anrufe und SMS entfielen auf den Achtundzwanzigjährigen.

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