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Kai Diekmann verlässt „Bild“ : Es war ihm eine Ehre

Der scheidende Herausgeber der „Bild“-Gruppe, Kai Diekmann Bild: Dominik Butzmann/laif

Der „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann verlässt überraschend den Springer-Konzern. Wohin wird es ihn ziehen?

          Kai Diekmann hat es geschafft. Er hat es bei der „Bild“-Zeitung geschafft, im Springer-Konzern und jetzt hat er auch noch alle überrascht. Er hat seinen Abgang bis zuletzt für sich behalten. Erst am Freitag bekamen es die Mitarbeiter der „Bild“ mit, kurz bevor der Springer-Verlag die Meldung absetzte, dass Diekmann seine Position als Herausgeber zum 31. Januar „auf eigenen Wunsch“ abgebe und aus dem Verlag ausscheide. Er werde sich „künftig anderen Aufgaben außerhalb des Unternehmens widmen“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Kai Diekmann ohne Springer, Springer ohne Kai Diekmann? Das kann man sich zunächst einmal gar nicht vorstellen. Seit dreißig Jahren ist der zweiundfünfzigjährige Diekmann, mit kurzen Unterbrechungen, bei Springer. Neben dem Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner personifizierte er seither wie niemand sonst den Springer-Konzern und den Wandel, den dieser vollzogen hat und noch vollzieht. Sechzehn Jahre lang hat Diekmann die „Bild“-Zeitung geführt. Bis vor einem Jahr als Chefredakteur, seither als Herausgeber der „Bild“-Gruppe. Als solcher koordinierte er das Wirken der Chefredakteure und die Abstimmung von „Bild“, „Bild am Sonntag“ und „Bild Online“. Jetzt wissen wir: Er hat damit auch das Haus bestellt, um in dem Bewusstsein gehen zu können, dass alles bestens aufgestellt sei – vor allem mit der Chefredakteurin Tanit Koch bei der „Bild“ und Julian Reichelt bei „Bild Online“. Aus dem Tagesgeschäft, dem Schlagzeilen-Machen zog sich Diekmann zurück, was nicht ohne Trennungsschmerz abging. Herausgeber und nicht mehr Chefredakteur zu sein, soll Diekmann einmal gesagt haben, sei wie „Fahrradfahren ohne Kette“: Er ist der Tempomacher im Hintergrund, doch in die Pedale treten nun andere. Doch so soll es ja auch sein.

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          Diekmann könne, sagt der Vorstandsvorsitzende Döpfner, „auf eine einzigartige Karriere bei Axel Springer zurückblicken“. Es sei vor allem ihm zu verdanken, „dass ,Bild‘ heute Trendsetter des digitalen Journalismus ist und eine hochprofitable Multimediamarke“. Diekmann habe die „Bild„-Zeitung „inhaltlich und strukturell“ stets weiterentwickelt und ihr „eine kraftvolle publizistische Stimme“ gegeben. Er sei ihm dankbar, dass er als Herausgeber die neue Chefredaktion ein Jahr lang beraten habe, „so dass jetzt ein problemloser Übergang möglich ist. Wir sind traurig über sein Ausscheiden.“

          Dass darf man wörtlich nehmen. Gäbe es zwischen Döpfner und Diekmann nicht eine über Jahre gewachsene Verbundenheit, würde sich ein Prozess wie der jetzige schwerlich so geordnet vollziehen. Döpfner dürfte geahnt haben, wie sich die Dinge entwickeln könnten, als er Diekmann und zahlreiche andere aus der Führungsetage des Verlags für jeweils ein halbes oder ein ganzes Jahr ins Silicon Valley schickte, wo an der Zukunft nicht nur der Medienbranche gearbeitet wird. Als Diekmann von dort zurückkam, platzte er schier vor Ideen – für Springer und darüber hinaus. Da konnte man sich andeutungsweise vorstellen, dass der Chefredakteur, der 1985 bei Springer in der Journalistenschule anfing, Reporter und Korrespondent, dann Chefredakteur der „Welt am Sonntag“ war, bevor er „Bild“ übernahm, seine Fühler in neue Richtungen ausstreckt.

          Doch zuerst einmal hat er mit dafür gesorgt, dass es Springer gelingt, in der Digitalisierung an publizistischer Kraft nicht nur nicht zu verlieren, sondern zu gewinnen. Mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein vertrat Diekmann den Standpunkt, dass der Vorsprung, den „Bild“ – die mit der gedruckten Auflage dieselben Probleme hat wie andere Blätter –, als Marke durch die Abstimmung mit der Zeitung und dem Online-Auftritt habe, uneinholbar sei. Das kann man für übertrieben halten, wird aber feststellen müssen, dass Springer die Herausforderungen der digitalen Welt verstanden und angenommen hat. Kai Diekmann machte das als Medien-Stratege und Manager mit demselben Elan wie er als Chefredakteur sein Blatt gestaltete. Wobei er nebenher dem Boulevardjournalismus, an dem sich alle anderen in der Branche gerne reiben, ein verträgliches Antlitz und Bedeutung gab – man muss die „Bild“-Zeitung nicht gut finden, sie nicht zu lesen empfiehlt sich für Leute, die in Politik und Gesellschaft up to date sein wollen, allerdings auch nicht.

          Kai Diekmann verlässt Springer, nach dreißig Jahren. Wie würde er das selbst betiteln? „Der Lotse geht von Bord“? Erschiene wohl zu getragen und theatralisch. Vielleicht eher der britische Landschaftsarchitekt Lancelot „Capability“ Brown, der beim Blick ins Freie stets von den ungeahnten Möglichkeiten zu sprechen pflegte, die es zu nutzen gelte: „I see your park has great capabilities.“ Mal sehen, was 2017 bringt, „there is more to come“ dürfte bei dieser Personalie am ehesten passen. Denn die folgende Schlagzeilen in Sachen Kai Diekmann werden davon handeln, ob Springer seine herausgehobene Position überhaupt neu besetzt – was er als nächstes macht. Ob es mit dem Silicon Valley zu tun haben könnte? „Es war mir eine Ehre!“, twitterte Diekmann am Freitag.

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