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„Tatort“ aus Wiesbaden : Diese grelle Müdigkeit

Blinder Passagier? Mitnichten: Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) hat einen potentiellen Mörder (Jens Harzer) an Bord. Bild: HR

Er ist schön, er ist mutig, doch leidet der Wiesbadener „Tatort. Es lebe der Tod“ unter der Überlebensgröße seiner Gesten. Ob sich Ulrich Tukur von seinem Kommissar Murot schon verabschiedet?

          2 Min.

          So sieht sie wohl aus, die letzte große Müdigkeit – in der sich kein Blick auf das Hier und Jetzt zu richten vermag, sondern nur noch auf das allumfassende: Wozu? Die erste Szene ist ein stummes Klagelied: Murot (Ulrich Tukur) – alle nennen ihn ja nur beim Nachnamen – blickt aus dem Panoramafenster. Die Nahaufnahme zeigt sein Gesicht mit sehr großen, traurigen Augen. Zigarettenrauch wabert zu sphärischen Streichern vorbei, draußen tobt das Unwetter, überzieht einen mächtigen Baum, Abbild des Lebens, mit Schauern und Blitzen. Ihr grelles Leuchten wechselt sich mit den Kameras der Spurensicherung ab. Dann ist nur noch Schwärze.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Derart elegisch elegant geht es wohl nur im Wiesbadener „Tatort“ zu, wo noch die Einblendung des Titels „Es lebe der Tod“ ein Hingucker ist. Vermutlich hätte der Regisseur Sebastian Marka die erste Szene auch auf die ganze erste Hälfte des Filmes ausdehnen können, man hätte weiter gebannt zugeschaut. Doch wir werden abrupt herausgerissen aus diesem düsteren Brüten, hinein in die rasche Abfolge eines Leichenfundes – junge Frau mit aufgeschnittenen Pulsadern und Kehle in freistehender Badewanne – und der darauffolgenden Pressekonferenz.

          Die eigene Vergangenheit aus den Augen eines Fremden: Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) verbindet ein altes Geheimnis mit dem Mörder.
          Die eigene Vergangenheit aus den Augen eines Fremden: Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) verbindet ein altes Geheimnis mit dem Mörder. : Bild: HR

          Wem der letzte Weihnachts-„Tatort“ aus Wiesbaden – mit Ulrich Tukur, der Ulrich Tukur spielte, der wiederum den LKA-Kommissar Felix Murot spielte, nur um seinem Alter Ego am Ende selbst zu begegnen – zu metaebenenmäßig war, der kann an diesem Sonntag durchatmen. Murot bleibt Murot – bis zum bitteren Ende.

          Das Landeskriminalamt vermutet, dass der Mord auf das Konto eines Serientäters geht, der seit zwei Jahren sein Unwesen treibt. Er stellt Menschen mit einem „Cocktail aus Barbituraten und Opiaten“ ruhig und schneidet ihnen in der Badewanne die Pulsadern auf. Die Beamten mutmaßen, es handele sich um einen Triebtäter, der das Töten genießt. Nun sitzt der allerdings im Publikum der Pressekonferenz und tritt wenig später mit Kommissar Murot in Kontakt: „Woher haben sie meine Nummer?“ – „Na ja, die ist nicht gerade geheim.“ Der Mörder indes will die Sache erst einmal richtigstellen. Mit dem letzten Mord habe er nichts zu tun.

          Durch einen recht originellen Trick geht Arthur Steinmetz (Jens Harzer) den Ermittlern bereits nach zwanzig Minuten ins Netz. Großes Theater, wie es im Wiesbadener „Tatort“ gerne gegeben wird, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sodann beginnt eine Art hessisches „Schweigen der Lämmer“. Der exzentrische Mörder stellt Bedingungen, und Murot muss darauf eingehen. Da haben sich zwei gefunden: Während Murot mit seinem Platz in der Welt hadert, sieht sich sein Gegenspieler als großer Erlöser, der jenen hilft, die sich nach einem raschen und „würdigen“ Ende sehnen. Selbstverständlich hat er es auch auf Murot abgesehen, und um ihn in die Hand zu bekommen, erpresst er dessen Assistentin, Magda Wächter.

          So ausladend schön die Bilder (Kamera Armin Alker), so gelungen Musik mit dunklem Schlagwerk und hastig gestrichenem Kontrabass (Ton Peter Senkel) ausfallen, in zwei Punkten vermag dieser mutige „Tatort“ nicht zu überzeugen. Jens Harzer bleibt als Gegenspieler von Ulrich Tukur zu blass, und die flach angelegten philosophischen Dialoge tragen nicht immer: „Der Mensch ist komplexer als Gut und Böse.“ Donnerlittchen! Aber T. S. Eliot lesen. Etwas arg dick wird dann auch noch aufgetragen, ohne, dass es trägt: Rückblenden in Murots traurige Vergangenheit, in der er als kleiner Junge seinen Vater erhängt an einem Baum findet, während er noch das Bild in den Händen hält, das er ihm zum Geburtstag gemalt hat. Noch der Schluss greift zum Äußersten, nur um den Zuschauer dann etwas ratlos darüber zurückzulassen, ob Murot uns jemals wieder so traurig in die Augen schauen wird.

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