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„Nichts zu verlieren“ in der ARD : Es fährt ein Bus nach Nirgendwo

  • -Aktualisiert am

Trauerarbeit in Extremsituationen: Helmut (Bernhard Schütz), Miriam (Emily Cox), Christa (Johanna Gastdorf), Harry (Stefan Merki) und Hilde (Susanne Wolff) hören den Entführern zu. Bild: BR

Schlecht organisiertes Verbrechen: In dem ARD-Film „Nichts zu verlieren“ wird eine Reisegruppe voller Trauernder entführt. Als Zuschauer bleibt man dem emotionalen Geschehen dabei merkwürdig fern

          Die Bustouren, die das Münchner Unternehmen „Anders Reisen“ im Angebot hat, sind mit den üblichen Urlaubsfahrten nicht zu vergleichen. Der Familienbetrieb hat sich spezialisiert: Aushänge im Schaufenster werben für Gruppenhochzeitsreisen, Scheidungskurse, Lachseminare im Sauerland oder Yogakurse auf der Zugspitze. Für „Trauerreisen in die Berge“, auf denen Reiseleiterin Irma (Lisa Wagner) ihre Kompetenz als gelernte Therapeutin ausspielen kann, steht ein Transporter, Baujahr 1978, mit eingewachsenem Busfahrer-Original vor der Tür.

          Die Gäste, die den Bus an diesem Morgen besteigen, stellen sich einander mit wortkargen Zeitangaben vor: „Sechs Monate“, „vierzehn Monate“, „elf Monate“ – das ist die Zeitspanne, die seit dem Tod ihrer jeweiligen Partner verstrichen ist. Einige der Reiseteilnehmer sind älter und einige jünger, einige schwätzen, einige weinen. Einer ist nur der Witwen wegen da.

          Um die meisten dieser Gäste wird sich Irma gut kümmern. Sie wird ihnen dann zum Beispiel erzählen, dass die leeren Sitze im Bus absichtlich freigelassen wurden, damit die Verstorbenen in Gedanken mitreisen können. Erst einmal sackt das Persönchen aber zusammen, während der Bus aus München herauskurvt. Die Tränen, die Irma beim Streit mit ihrem Mann Peter (Aurel Manthei) in die Augen geschossen sind, müssen erst trocknen.

          Die Tragikomödie überfordert die Zuschauer nicht

          Bald reist der Gatte dem Bus hinterher. Er setzt sich in seiner Eigenschaft als Reiseveranstalter in den Wagen, weil er Irma wegen eines Zwischenfalls für durchgedreht hält: Der Bus war an einer Tankstelle in Richtung Gebirge aufgebrochen, bevor ein Drittel der Teilnehmer von der Pause zurückgekehrt war. Und die kurz danach gewählte Route über den Pass, die Peter auf dem Smartphone verfolgen kann, ist mit dem Omnibus ein halsbrecherisches Wagnis. Da weiß er noch nicht, dass die Reisegruppe entführt wurde, von zwei Gangstern, deren Fluchtwagen auf der Landstraße den Geist aufgegeben hat.

          Die Zuschauer sind da eindeutig im Vorteil. Die Tragikomödie „Nichts zu verlieren“ von Ruth Toma (Drehbuch) und Wolfgang Murnberger (Regie und Buch-Bearbeitung) überfordert sie nicht. Schnörkellos berichtet sie von einer Reisegruppe, die von Kriminellen entführt wird, sich in ihrer Trauer aber von Pistolen-Gefuchtel nicht beeindrucken lässt. Am Ende werden die Gangster fast wie Anhalter wirken, die man freiwillig mitgenommen hat.

          Allerdings steht das deutsch-österreichische Road Movie humoristisch auf der Bremse. Befreiend gelacht werden soll zwar – über den dritten Gangster zum Beispiel, der beim Einbruch in das Haus eines Künstlers stolpert, seinen Kollegen Richy (Georg Friedrich) anschießt und nicht mit in den Fluchtwagen darf. Regisseur Murnberger sagt im Begleitmaterial: „Kann man über Tod und Trauer einen komödiantischen Film drehen? Man muss.“ Er wollte, dass sich die Komik aus der Tragik entwickelt.

          Viele Gags sind aber erstaunlich seicht, so schwierig es ist, bei diesem Thema die Balance zu finden. Dem Zuschauer die Reiseteilnehmer emotional näherzubringen – das fällt der Produktion schwer. Einzig Miriam, die Untröstliche (gespielt von Emily Cox, der „Brida“ aus „The Last Kingdom“), gewinnt allmählich an Kontur. Sie wird kurz nach dem Unfalltod ihres Partners von zarten Gefühlen zu Tom, dem sensibleren der Gangsterbrüder (Christopher Schärf), überrascht und flüstert Sätze wie: „Ist das dein Hauptberuf: Räuber?“ Insgesamt wäre wohl mehr drin gewesen, doch der thematisch schlüssige, sogar originelle Abgang des Films wiegt es nicht auf. Aber er tröstet.

          Nichts zu verlieren, um 20.15 Uhr im Ersten.

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