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Erwachsen auf Probe : Liebling, ich habe das Baby gekillt

Hätte man es doch bei Puppen belassen Bild: RTL/ Frank Hempel

Mit „Erwachsen auf Probe“ ist RTL etwas ganz Außergewöhnliches gelungen. Etwas Positives für die Familien. Das sah man aber erst bei Günther Jauch in „Stern TV“. Die umstrittene Reihe selbst ist fast schon kriminell.

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          RTL ist mit der umstrittenen Sendung „Erwachsen auf Probe“ etwas ganz und gar unerhört Hervorragendes gelungen. Etwas, das wir dem Sender gar nicht zugetraut hätten. Und das wäre: zehn Minuten Sendezeit für Marlis Herterich, Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbunds. Zehn Minuten bei „Stern TV“, die reine Sprechzeit war natürlich wesentlich weniger, in denen jemand mit klaren Worten und gesundem Menschenverstand aus dem ganzen Gewese, das RTL um die Sendung macht und das eifernde Kritiker nur noch vergrößern, die Luft raus ließ. Zehn Minuten und drei Worte, die den Wahnwitz, den RTL veranstaltet, auf den Punkt bringen und den eilfertigen Moderator Günther Jauch alt aussehen lassen: „Was soll's denn?“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Was soll's denn“, fragte Marlis Herterich. Was soll „Erwachsen auf Probe“ sein? Tatsächlich der von RTL versprochene Eltern-Tüv für Teenager, die meinen, sie sollten schon Kinder bekommen? Oder ist es nicht eher doch, wie von manchen Kritikern behauptet, „Kindesmissbrauch“. Es ist eher Letzteres, wobei nicht nur die Kleinkinder, die nicht für Tage und Nächte, sondern für ein paar Stunden in die Hände von Teenagern gegeben werden, missbraucht werden, die jungen Leute werden es ebenfalls. Sie werden überfordert und vorgeführt, „bloßgestellt“, wie Marlis Herterich sagte. Und für was? Für eine Sendung, die, um es ganz unfeuilletonistisch zu sagen, nichts anderes ist als eine einzige Heuchelei. Der reine Dreck.

          Kleinkinder im Menschenzoo

          Wenn es tatsächlich darum gehen sollte, Teenagern die Mühen des Elterndaseins nahezubringen, dann könnte man dies anders unternehmen als auf diese „Big-Brother“-Art und Weise. Man könnte junge Leute tatsächlich - auch das fiel Marlis Herterich ein - zwei Wochen lang mit einer Babypuppe umgehen lassen und ihnen peu à peu die ebenso glückseligmachende wie bittere Wahrheit übers Kinderkriegen und Kinderhaben beibringen: Es ist verdammt anstrengend. Man lernt ohne Schlaf zu leben, hört auf, Erwachsenenliteratur zu lesen, dämmert vor der Glotze weg, tauscht mit seinem Partner nur noch das Nötigste aus, erinnert sich wehmütig an die rauschenden und libidinösen Zeiten davor und bekommt dafür im Tausch, wenn man Glück hat, die schönsten Momente des Lebens, die Chance, auch mit sich selbst noch einmal von vorn zu beginnen, Verantwortung zu tragen und ein besserer Mensch zu werden. Wenn man Pech hat, wird man allerdings nur gemeinsam fett, hat keinen Sex mehr und hört auf, am kulturellen Leben teilzuhaben, sehen wir von den Kindergartenfesten einmal ab.

          Sieht so der Ernstfall aus? Mario begutachtet den falschen Baby-Bauch seiner Freundin Anjelik

          Doch um all das geht es bei „Erwachsen auf Probe“ selbstverständlich nicht. Hier geht es nicht um Menschen, sondern um einen Menschenzoo, den wir im Fernsehen ja längst schon haben, nur wurden Babys und Kleinkinder bislang eher beiläufig am Nasenring vors Publikum geführt. Hilflose Teenager und Eltern am Rande des Wahnsinns aber kennen wir längst. Wer auch nur eine Ausgabe von „Frauentausch“ bei RTL2 gesehen hat, der weiß, wovon die Rede ist. Bei „Erwachsen auf Probe“ sehen wir nun vier junge Paare: Lila und Sebastian, Tamara und Basti, Nadine und Elvir sowie Anji und Mario. Dass sie mit Bedacht ausgewählt worden sind als prototypische Vertreter von Beziehungsproblemlagen, die auch ohne Kinder schon spannend genug zu lösen sind, ist von vornherein klar. Da gibt es die liebevollen Chaoten, die vom Leben hart Geprüften, die sich durchbeißen, die kurz angebundenen Romantiker und - die Loser.

          Die Verlierer in diesem inszenierten Reigen sind Nadine und Elvir. Von ihnen haben wir schon nach der ersten Folge genug gesehen. Sie schaffen es nicht, einen Ikea-Stuhl zusammenzuschrauben (wobei das in der Tat eine Aufgabe ist, an der Millionen von Menschen scheitern), Elvir hat nach einem Tag keine Lust mehr, arbeiten zu gehen und will statt dessen seine hochschwangere Freundin (die mit einem künstlichen Babybauch herumläuft) zum Geldverdienen schicken. Er bekundet zudem ganz lässig, dass er Nadine schlägt, wenn sie ihm nicht den nötigen „Respekt“ zollt und schließlich erstickt er im Schlaf die ihm und seiner Freundin anvertraute Babypuppe. Als er aufwacht, will er deswegen von Nadine aber nicht „angezickt“ werden. Er hat ein ganz anderes Problem: Elvir hat geträumt, dass ihn seine Freundin betrügt. Die Zuschauer fragen sich zu diesem Zeitpunkt längst, wie lange sich das Mädchen eine solche Unterdrückung noch gefallen lassen will.

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