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Ernst Jacobi im Januar 1998 während der Dreharbeiten zu der RTL-Produktion „Tierärztin Christine in Afrika“ in Südafrika Bild: dpa

Mehr als 200 Fernsehrollen : Schauspieler Ernst Jacobi gestorben

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Schwierige oder gebrochene Gestalten waren seine Spezialität. Seinen letzten Auftritt hatte er vor fünf Jahren in einem „Polizeiruf 110“. Im Alter von 88 Jahren ist der Schauspieler Ernst Jacobi gestorben.

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          Ernst Jacobi ist tot. Geboren als Ernst Gerhard Ludwig Jacobi-Scherbening am 11. Juli 1933 in Berlin, hatte der Schauspieler eine schwierige Kindheit: Die Ehe seiner Eltern wurde kurz nach seiner Geburt geschieden, und Jacobi wuchs bei seiner Mutter und einer Stiefschwester auf. 1939 wurde seine Mutter, die im Reichsluftfahrtministerium arbeitete, nach Norwegen versetzt, der Junge wurde zur Schwester seines Vaters in einen evangelischen Pfarrhaushalt gegeben und erfuhr dort eine rigide Erziehung.

          1951 legte Jacobi mit 17 Jahren das Abitur ab und wollte ursprünglich Gartenbau studieren. Schon zwei Jahre zuvor hatte er im Kinderchor des RIAS Berlin mitgewirkt und 1948 dort seine erste Rolle erhalten. Er absolvierte dann schließlich von 1951 bis 1953 eine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule Berlin. Mitte der Sechzigerjahre nahm er zudem noch Unterricht am „Stage d'été sur le mime“ von Jacques Lecoq in Paris, nachdem er bereits 1951 von dem Pantomimen Marcel Marceau als „Bip“ nachhaltig beeindruckt worden war.

          Seinen ersten Vertrag erhielt Jacobi 1951 am Berliner Hebbel-Theater unter Rudolf Nolte. Bis 1969 folgten Engagements am Theater am Kurfürstendamm, an der Tribüne und am Berliner Schiller-Theater, bei den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main, den Bühnen der Stadt Köln, am Hamburger Theater im Zimmer sowie in Schleswig am dortigen Nordmark-Theater. In diesen Jahren arbeitete er mit Regisseuren wie Karl Heinz Stroux und Erwin Piscator zusammen. 1969 war er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg verpflichtet, Verträge unter anderem mit den Münchner Kammerspielen, dem Wiener Burgtheater, dem Renaissance-Theater Berlin sowie verschiedenen Tourneebühnen folgten. Am Burgtheater, wo er mit Peter Palitzsch zusammentraf, blieb Jacobi zehn Jahre lang, von 1977 bis 1987, danach stand er fünf Jahre beim Schauspielhaus Zürich unter Vertrag. Seit 1989 arbeitet Jacobi als freier Schauspieler und spielte in Inszenierungen von Heribert Sasse oder Peter Zadek mit.

          Gepflegtes Schweben

          Bereits 1951 hatte Jacobi bei den ersten Versuchssendungen des Fernsehens mitgewirkt, dem er seither die Treue hielt. Bis Ende der Neunzigerjahre hatte er weit mehr als zweihundert Fernsehrollen verkörpert. Darüber hinaus wurde er zum gesuchten Hörspielsprecher und erfolgreichen Hörspielautor. Seine Sprechkunst setzte er in der Synchronisation von über vierzig Filmen ein, zu denen auch Walt-Disney-Produktionen in deutscher Fassung gehören.

          Mehrfach preisgekrönt wurde seine Leistung als Titelheld in dem nach Heinar Kipphardts Stück gedrehten Fernsehfilm „Das Leben des schizophrenen Dichters Alexander März“, der 1975 Furore machte und von Kritik wie Publikum begeistert aufgenommen wurde. Das „gepflegte Schweben über den Schlangengruben einer verrückt gewordenen Welt, die er von oben herab höflich und zynisch betrachtet“, sei ihm auch als „Irrer“ in der deutschsprachigen Erstaufführung von Stoppards „Every Good Boy Deserves Favour“ 1981 in Wien gelungen, lobte die Frankfurter Allgemeine. Sie erinnerte zugleich an seine glanzvollen Darbietungen als „aktentrockener, unpersönlicher Franz Moor“, als Andri in Max Frischs „Andorra“ oder, 1984, als Ideologe Kruk in Sobols „Ghetto“ unter der Regie von Peter Zadek.

          Rückzug

          Erneut seinem Ruf gerecht werdend, immer schwierige oder gebrochene Gestalten zu spielen, übernahm Jacobi 1996 eine Rolle in dem problematischen Inzestdrama „Roula – Dunkle Geheimnisse“. Hier spielte er den Vater der Titelfigur, der die inzwischen erwachsene Frau als Kind missbrauchte. Zu den herausragenden Filmen mit Jacobi seit Ende der Neunzigerjahre gehörten die Kinoproduktion „Hamsun“ (1996), in der er Adolf Hitler spielte, Rollen in Serien wie „Anwalt Abel – Das schmutzige Dutzend“ und im Jahr 2002 der Film „Im Chaos der Gefühle“. Aus den wenigen Rollen der folgenden Jahre ragt vor allem der von Dominik Graf inszenierte Fernsehfilm „Am Abend aller Tage“ (2017) hervor, zu dem diesen der Fall Cornelius Gurlitt inspiriert hatte. Darin macht sich ein von einer Gruppe betagter Geschäftsleute engagierter junger Kunstkenner auf die Suche nach einem verschollenen expressionistischen Gemälde. Jacobi spielte den zurückgezogen lebenden Sammler, in dessen Besitz sich das Bild befindet.

          In der Folge „Nachtdienst“ der Krimi-Serie „Polizeiruf 110“ (mit Matthias Brandt als Kommissar von Meuffels) wirkte Jacobi als einer der Senioren im Altersheim mit, der zum Schluss alle seine unter mangelnder Betreuung leidenden Mitbewohner erschießt, um auf die Zustände in dem unterbesetzten Pflegeheim hinzuweisen.

          Nach den Dreharbeiten lebte Ernst Jacobi zurückgezogen in München. Er sei im Alter von 88 Jahren friedlich eingeschlafen, teilte sein Management in München an diesem Donnerstag mit.

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