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Tour de France : Eric Fottorino haucht dem Radsport neues Leben ein

Der heimliche Held der Tour de France? Journalist Eric Fottorino Bild: AFP

Eric Fottorino hat sich gut vorbereitet. Im französischen Fernsehen kommentiert der ehemalige „Le Monde“-Direktor die Tour de France. In seiner Begleitung wird das berühmte Radrennen zu einer faszinierenden Zeitreise in die Vergangenheit.

          Er war Chefredakteur von „Le Monde“, und wie jeder französische Journalist, der auf sich hält, schrieb Eric Fottorino Bücher mit literarischem Anspruch. Sie wurden von den Kollegen hoch gelobt, für seinen Roman „Baisers de Cinéma“ (Kinoküsse), im gediegenen Verlag Gallimard erschienen, war er sogar im Gespräch für den Prix Goncourt.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Gegen gefällige Rezensionen blieb er jedoch ebenso machtlos wie gegen die neuen Eigentümer, die „Le Monde“ ohne ihn aus der Krise führen wollten. Nach seiner Entlassung gründete er die monothematisch ausgerichtete Wochenzeitung „Le 1“, für die er die glänzendsten Edelfedern zu begeistern vermochte. Und schrieb noch mehr Bücher, zum Beispiel je ein eindrückliches Porträt seines Vaters und seines Stiefvaters.

          Ein nationales Epos

          Jetzt ist Eric Fottorino im Begriff, eine Legende zu werden: Im französischen Fernsehsender France 2, dessen Übertragungen Stunden dauern, kommentiert er mit einem Sportreporter sowie dem ehemaligen Rennfahrer Laurent Jalabert die Tour de France. Ein leidenschaftlicher Radfahrer war Fottorino schon immer. 2013 absolvierte er zum hundertsten Jubiläum mit einer Gruppe von Freunden jede Etappe der Frankreich-Rundfahrt – auf dem Velo, einen Tag vor den Profis. Er weiß, was sie leisten. Als er noch Direktor des „Monde“ war und das Rennen „Midi Libre“ der gleichnamigen Tochterzeitung gehörte, setzte er sich ebenfalls am Tag vor den Berufsfahrern auf den Sattel. Abends im Hotel schrieb er die Berichte.

          Der Engländer Christopher Froome liegt momentan an der Spitze der Tour de France.

          Die „Grande Boucle“ ist ein nationales Epos, zu dem erst die Schriftsteller und Journalisten das sportliche Ereignis verklären. Diese Funktion ist ganz besonders wichtig, wenn der Gesamtsieger – wie dieses Jahr – schon im Voraus festzustehen scheint. Die Zeitung „L’Auto“, die das Rennen erfand, konnte während der Landesrundfahrt ihre Auflage verdreifachen. Heute gehört sie „L’Equipe“ und liefert nicht nur den täglichen Stoff, wenn der Fußball Sommerpause macht. Sie sichert mit ihrem kommerziellen Erfolg das Überleben der Sporttageszeitung, für die im Herbst eine neue Ära beginnt: Vom Großformat, das spektakuläre Inszenierungen aus Text und Bild zulässt, schrumpft sie zum Tabloid-Blatt.

          Eine faszinierende Zeitreise in die Vergangenheit

          Eric Fottorino hat sich gut vorbereitet. Er beschreibt die Kirchen und Schlösser, die vom Hubschrauber aus gefilmt werden. Er kennt die Museen. Seine Lektionen über die Geschichte und die Geographie des Landes erschließen das Leben der Bauern und der Menschen in den Bergen. Eindrücklich waren seine Erzählungen, als das Feld durch die Regionen mit den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs fuhr. Eine „Kultur des Vermittelns“ will Fottorino pflegen, eine „Brücke zwischen dem Radsport und den Intellektuellen, den Schriftstellern“ sein. Er telefoniert mit ihnen und lädt sie in sein mobiles Studio ein. Der Schriftsteller Erik Orsenna kam während der Etappe in der Bretagne. Régis Debray, der einst mit Che Guevara in Bolivien kämpfte, beschwor seine Liebe zum Radsport. Jean-Christophe Rufin, Autor eines Bestsellers über den Jakobsweg und Mitglied der Académie Française, war auch zu Gast.

          In der Begleitung von Eric Fottorino wird die Tour de France zu einer faszinierenden Zeitreise in die Vergangenheit. Doch selbst das Unbehagen an den Leistungen des führenden Fahrers Chris Froome hat er vor seinen Mitkommentatoren artikuliert. Fottorino verglich dessen Tritt in die Pedale mit einer Kaffeemühle und erinnerte an Lance Armstrong. Nach dessen sieben Doping-Siegen vergangener Tage steckt die Tour de France noch immer in der schwierigen Phase ihrer Erneuerung. Die Sender der ganzen Welt haben sich nach und nach für die Wiederaufnahme der Direktübertragungen entschieden. Einen Kommentator wie Eric Fottorino aber haben wohl nur die Franzosen. Dank ihm feiert die „Grande Boucle“ ihre Auferstehung – trotz Doping-Verdachts und sportlicher Langeweile.

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