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Erfahrungsbericht eines Wikipedia-Autors : Relevanz ist machbar, Herr Nachbar

  • -Aktualisiert am

Das Lemma „Süße Lisa“ existiert nur wenige Minuten

Die Relevanzkriterien sind Ergebnis langjähriger Diskussionen, mit ihnen wird beschrieben, welche Voraussetzungen erfüllt sein sollen, damit ein Lemma Bestand hat. Die Kriterien bilden ein Zentrum des Wikipedia-Hintergrundwissens, sie sind zu diversen Themenbereichen formuliert. Ein Geistes- oder Sozialwissenschaftler beispielsweise gilt als enzyklopädisch relevant, wenn er mindestens eines der Kriterien erfüllt: Professor an einer anerkannten Hochschule, Empfänger eines anerkannten Wissenschaftspreises, Rektor oder Präsident einer Hochschule. Hilfsweise kann auch Relevanz dadurch erzeugt werden, dass er als Autor mindestens vier Sach- oder Fachbücher publiziert hat. Damit schaffen es auch manche Privatdozenten über die Relevanz-Hürde.

Unerschrockene Wikipedianer verbringen täglich viele Stunden mit der Eingangskontrolle. Die „Letzten Änderungen“ sind, wie alles in der Online-Enzyklopädie, öffentlich einsehbar

Taucht ein offenkundig irrelevantes Lemma auf, kann jeder Benutzer einen „Schnell-Löschantrag“ stellen, der dann von einem der gewählten Administratoren (mit erweiterten Bearbeitungsrechten) nach Prüfung gelöscht wird. Das geschieht täglich vielfach, denn es gibt nicht nur vandalistische Artikelbearbeitungen, sondern auch derartige Artikelstarts. Wenn zum Beispiel irgendein Jochen seiner Angehimmelten einen Artikel widmet, in dem dann steht: „Lisa ist süß, Jochen“, existiert das Lemma „Süße Lisa“ nur wenige Minuten. Das setzt aber voraus, dass die Änderungen in der Wikipedia stetig beobachtet werden. Es können innerhalb einer Minute durchaus dreißig Änderungen sein, die blitzschnell bewertet werden. Wenn ich wirklich Langeweile habe, tue ich mir auch das an. In solchen Stunden habe ich schon manchen „Penis“ entfernt. Es scheint unangemeldeten Benutzern ein pubertäres Bedürfnis zu sein, dieses Wort mitten in irgendeinen Artikeltext zu plazieren. Andere Leser entfernen Artikelpassagen, die ihnen nicht gefallen, oder schreiben persönliche Kommentare hinein. Solche Versionsänderungen werden durch einen einzigen Klick zurückgesetzt. Unerschrockene Wikipedianer verbringen täglich viele Stunden mit der Eingangskontrolle. Die „Letzten Änderungen“ sind, wie alles in der Online-Enzyklopädie, öffentlich einsehbar. Ich gehöre eher zu den „Exklusionisten“ im Projekt, die im Gegensatz zu den „Inklusionisten“ meinen, nicht alles, was es gibt, gehöre auch in eine Online-Enzyklopädie. Diskussionen in diesem Spannungsfeld werden täglich auf der Seite „Löschanträge“ geführt. Dort werden Artikel gelistet, die nicht eindeutig unsinnig sind, deren Relevanz aber zumindest der Antragsteller bezweifelt. Das sind oft PR-Artikel von Unternehmen, aber auch Personenartikel über Lokalpolitiker, Sportler und Promi-Leichtgewichte. Nach meist einwöchiger Diskussionszeit bewertet ein Administrator die Argumente und löscht oder entscheidet für „bleibt“.

Ein ausufernder und zirkulärer Debattenverlauf

Auch über eindeutig relevante Lemmata wird auf den Artikeldiskussionsseiten eifrig debattiert, meist geht es um das Stopfen von Lücken zur Verbesserung des Textes. Manchmal eskalieren die Auseinandersetzungen jedoch zum „edit-war“ (Bearbeitungskrieg). Ein abschreckendes Beispiel für Dauerkämpfe ist der Artikel „Neoliberalismus“, in und um den seit Jahren gerungen wird: Im Artikeltext durch hundertfaches Zurückstellen (Revertieren) der Ergänzungen konkurrierender Mitschreiber, auf der Artikeldiskussionsseite durch verbissene Diskurse, die oft persönlich verletzend sind. Offenbar senkt die Nickname-Anonymität die Hemmschwelle.

Das gilt auch für artikelübergreifende Diskussionen. Jeder kann sich, ob als angemeldet oder nicht, an ihnen beteiligen. Es geht um Kommentare zu Wahlen von Administratoren und anderen Funktionsträgern, um die Verbesserung des Regelwerks und - immer wieder - um die politische Neutralität der Online-Enzyklopädie und gegen Diskriminierung jedweder Art. Ein wiederkehrendes Thema lautet seit einiger Zeit „Gender-Gap“ (“Geschlechterkluft“), es gibt vergleichsweise wenig Autorinnen in der Wikipedia. Manchmal lasse ich mich auf eine dieser immer neu aufbrandenden „Meta-Diskussionen“ ein, bis mich der ausufernde und gleichzeitig zirkuläre Debattenverlauf abstößt. Dann ziehe ich mich für eine Weile zurück und nehme alle Diskussionsseiten von der Beobachtungsliste. „Meine“ Artikel aber beobachte ich immer, eine Vorsichtsmaßnahme gegen Vandalismus.

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